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Geschichte der Altniederländischen Malerei / J[oseph] A[rch.] Crowe und G. B. Cavalcaselle ; Bearb. Von Anton Springer
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URSULAKASTEN.

Uebertragung der Reliquien in das neue Behältniss imJahre 1489. 1 Der Namen des Künstlers, über welchenübrigens kein Zweifel sich regt, wird in den alten Papierendes Hospitals niemals erwähnt, auch nicht mit einemWorte seiner Rheinreise gedacht. Und doch musste er, wieder Augenschein der Bilder am Ursulakasten lehrt, einesolche vollführt haben, es sei denn, dass ein .kölnischerKünstler ihm die Ansicht von Köln vorgezeichnet hätte.Es ist aber nicht allein die Architectur offenbar nachder Natur aufgenommen, auch mehrere Jungfrauenköpfe,insbesondere der Madonnenkopf auf der einen Giebelseiteenthalten Anklänge an die besondere kölnische Kunstweise,welche beinahe ein Jahrhundert vorher Meister Wilhelmeingebürgert hatte. Das spricht für persönliche Anschauungen,unmittelbare Studien. Uebrigens hat eine Reise von Brügge nach Köln am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts nichtsBefremdendes. Hat sie doch auch Hugo van der Goes einige Jahre früher vollführt.

Die Kritik, welche gegenüber der legendarischen Erzäh-lung von den Schicksalen der britischen Prinzessin Ursula undihrer eintausend Jungfrauen sich geltend macht und dieUmwucherung eines dürftigen historischen Kerns mit nichtmehr verständlichen mythischen Sagen darin aufzeigt, ver-stummt im Angesichte der lieblich naiven Schilderung, inwelcher Memling die Legende verewigt hat. Wir fragennicht nach dem Grade historischer Wahrheit, wir erfreuenuns an der vollendeten poetischen Wahrhaftigkeit.

Durch ein eigenes Zusammtreffen der Umstände fügtees sich, dass beinahe zur selben Zeit wie Memling auchein hervorragender Maler der älteren Yenetianer Schule,Carpaccio, die Ursulalegende malte. Die Schwierigkeitender Scenerie lagen für die beiden Künstler auf verschiedenenSeiten. Dem Yenetianer stand nur ein phantastisches Bild

1 La Plume. 1871. Nr. 59.