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Mahlerische Reise in die italienische Schweiz / mit geäzten Blättern von J. H. Meyer
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50
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werden durften, um bald zu einem Ruheplaz zu führen, der die Uebersicht des schönen Seesbeherrscht; oder zum rauschenden Wasserfall, oder in den schattichten Waid, der die Stirne desBerges bekrönt. Indess lässt das Gebäude selbst nichts weniger vermuthen, als dass hier einCyniker wohnte, der mit einer Fasstonne hätte vorsieh nehmen können. Es ist das Werk einesReichen, der mit allen Reizen der Natur noch die der Kunst verbinden konnte. Wirklich scheintdiese Einsiedeley eher zu glänzenden Festen der Freude, des Spiels und Gesangs, als zum Flucht-orte des Philosophen bestimmt, der sich dem Gelerme der Stadt entziehen will, - Bey diesem

merkwürdigen Palaste stiegen wir ans Land. ( S. Tab. X.) Eine breite, aus dem See ausgemauerteStrasse führt zu einem bepflasterten Plaze, den drey schlanke Lorbeerbäume beschatten. Hierherrscht eine erquikende Kühle, und die weit sich verbreitenden Aeste schwanken hin und her imsäuselnden Wind. Zwischen den Aesten und den spielenden Blättern durch blizen im Sonnenstraldie Wellen des Sees. Ein liebliches Pläzgen für philosophische Ruhe, wo der denkende Menschaus eine Rasenbank hingelägert sich den schönsten Ideen überlassen kann. Gleich neben diesem,dem Nachdenken geweiheten Orte, öffnet sich die Thüre zu einem grossen Saal, der mit Land-fchaftgemälden und Inschriften in Marmor geziert ist, welche Stellen aus den Schriften Plinius enthalten. Hier entzükt ein harmonisches Gemurmel das Ohr, gleich dem Klang einer Harfe. Er-staunt sieht der Horchende umher, und nirgends erblikt er den Tonkünstler, der diese Phantasienden Sayten entlokt. Erst beym Herausgehen durch eine zweyte Thüre entdekt sich die Ursache