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VIRGINIEN.
MCVIII-MCX.
Der Staat Virginien liegt, zwischen dem 36. und 40. Grade nördlicher Breite am atlantischen Ocean zwischen Maryland undNord-Carolina, gleicht daher geographisch etwa Morea und dem südlichen Spanien . In seinem Westen und in der Mitte ist das ältereApallachische Parallel-Gebirg (die Alleghani) hauptsächlich entwickelt, wovon die Abflachung sich östlich hreit ans atlantische Meer hin-zielil, und welches eine von Snd-West nach Nord-Ost gerichtete Wasserscheide bildet, deren westliche Abläufe das kleine Leben durch denOhio und Mississippi zum mexikanischen Meerbusen führen, deren östliche aber das Oberflächen-Leben in reicherem Maasse dem atlanti-schen Ocean übergehen. Warme Mineralquellen und kalte Schwefelquellen giebt es im Gebirge, dessen höchste Erhebungen, bis 2754 Fuss,in Pensvlvanien liegen. Die von mir 1836 gemachten Mittheilungen über fossile aus Polygaslern-Schaalen gebildete Erden veranlasstendie nordamerikanischen Naturforscher zur Untersuchung ihres Landes in ähnlicher Art, und schon 1840 entdeckte der verdiente Geologan der Universität in Virginien , Herr W. B. Rogers, das seitdem immer umfangreicher bekannt gewordene biolithische Tripel-Gestein,welches aus schön erhaltenen Kieselschaalen von Meeres-Polygastern ohne alle Beimischung von Kalktheilen besteht, in dem aber neuer-lich von mir Kiesel-Steinkerne von Kalkpolylhalamien nachgewiesen wurden. Auch dort bei Ricbmond gab es seit längerer Zeit Erdesser(Dirleaters ), welche, wie anderwärts, diese Erdart als Nahrungsmittel benutzten. S. Rogers Report on Geologie of Virginia for 1840-Abhandlungen der Berliner Akademie 1841. Monatsberichte der Berlin . Akad. 1844 S. 57 und 1855 S. 392. Herr Professor Bailey inWestpoint N. Y. hat bereits 1840 11 Formen der virginischen Tripel verzeichnet, deren Zahl von mir durch die von demselben mirmitgetheilten Materialien 1841 auf 52, und 1844 auf 130 Arten erhöbt wurde. Diese Tripel-Schichten werden von den amerikanischenGeologen zur mittleren Tertiärzeit gerechnet. Ihre grosse Verwandtschaft mit den vom Berliner Geologen Professor Friedrich Hoffmannfür Kreidebildung, von Anderen neuerlich für untere Tertiärbildung erklärten Mergeln von Sizilien wurde von mir 1844 angezeigt, unddie Formen sind zahlreich auf Taf. XVIII. der Mikrogeologie dargestellt. Vom Süsswasser-Leben waren bisher nur 14 Formen durchHerrn Prof. Bailey und nur beiläufig angedeutet, indem er 1841 und 1842 (Silliman American Journal. Vol.XLI. Nr. 2. XIAl. Nr. 1.auch Virginien als Fundort dabei bemerkt hat. Es sind:
Desmidiacea:
Artkrodesmns quadricaudatus.Desmidium Swartzii.
Euastrum Sol -- E. Rota Bail.« Crux melitensis.
' margaritiferum.Micrasterias Tetras.
; Boryana.
Closterina:
Closterium crenulatum. — CI. Trabecula B.
* Amblyonema = CI. linealum B.Polysolenia? Closterium — CI. Digitus B.
Naviculacea:
Pinnularia viridis = Navic. viridis B.
? suecica = Navic. fig. 20 . B.
Stauroneis Baileyi = Navic. fig. 23 . B. . ,Surirella splendida, — Navic. striatnla? B.
Ich erhielt im Jahre 1842 von Herrn Tuomey den Flussschlamm aus 3 Ilauplflüssen des Landes, dem James-River, demAppamaltox-River und dem York?-River, einzeln in Blechkästchen verwahrt, zugesandt, welche die Grundlage für folgende weit reichereUebersicht des Süsswasserlebens von Virginien bilden.
1108*. Gelbbrauner Flussschlamm des James-Flusses bei City Point. Die fast 4zöllige, 1 '/a Zoll dicke Erd-probe ist eine feine lehmfarbige mürbe Masse von geringer Plasticität. Säure bewirkt kein Brausen, Glühen zeigt durch erst schwarze,dann rostrothe Färbung Kohlenstoff und Eisengehalt. Die mechanische Mischung ist ein feiner Triebsand mit vielem Glimmer und einfeiner gelblicher unorganischer Mulm mit zahlreich eingestreuten organischen Formen. In 20 Analysen fanden sich 71 Formen: 51 Po-lvgastern, 15 Phytolitharien, 2 Polvthalamien-Rothsande, 1 weicher Pflanzentheil, 2 unorganische Formen. Da ausser den 2 fossilenSteinkernen alle Formen Süsswasserbildungen sind, so beweisen sie, dass die unmittelbare Einwirkung des Meeres, das Fluthgebiet, indem James-Fluss bis City Point, d. i. bis 70 englische Meilen vor seiner Einmündung in die Chesapeak-Bai, nicht reicht.
1109 2 . Gelbbrauner Flussschlamm des Appamattox-Flusses bei Petersburg . Die feinsandige glimmerreicheErdprobe ist von Korn etwas weniger fein als vorige, an Farbe etwas heller und ebenfalls wenig plastisch und leicht zerbrechlich. DieMasse und das chemische Verhalten ist der vorigen Erde gleich. In 20 Analysen fanden sich 86 Formen: 52 Polvgastern, 30 Phyto-litharien, 2 weiche Pflanzenreste, 2 unorganische Formen. Auch hier ist keine Meeresform beigemischt.
1110 :? . Gelbbrauner Letten des Flussbodens bei Delaware . Das zur feucht eingepackten Erde gelegte Papiermit der Bezeichnung war . ganz verrottet und von der Schrift nur das Wort Delaware theilweis kenntlich. Ob die Probe aus dem York-River oder dem Pamunka-River genommen, ist unerledigt. Es ist ein stark plastischer fester Letten, einem fetten Ziegelstein-Lehmeähnlich. Er besteht aus feinem Quarzsand mit vielem Glimmer und viel thonigem Mulm, worin zahlreiche organische Reste liegen.Das chemische Verhalten ist dem ersten gleich. In 20 Analysen sind 76 Formen erkannt: 50 Polygastern, 23 Phytolitharien, hichten-Pollen. Kein Meeresgebild, nur Süsswasser-Gestalten.
Die Gesammtzahl der aus Virginien somit bekannten Süsswasserformen beträgt mit Einschluss von 11 von Herrn Bailey alleinbeobachteten Formen 162 Arten. Von mir allein sind 151 Arten beobachtet, nämlich 103 Polygastern, 42 Phytolitharien, 2 Polythala-mien-Steinkerne, 2 weiche Pflanzentheile, 2 unorganische Formen. Es darf nicht unbemerkt bleiben, dass in den 3 Erdproben gar keinkohlensaurer Kalk erkennbar ist. Ferner sind die oben erwähnten kalklosen grossen Tripel-Lager mariner Polygastern, welche sich vonRicbmond bis Maryland hinziehen, auch nicht durch eine einzige beigemischle Form angezeigt, so wenig als irgend ein neuer Meeres-Einfluss. Höchst auffallend ist die Uebereinslimmung der neuen Fluss-Ablagerungen mit den älteren Meeres-Tripeln in dem Characterdes Mangels an den feineren kohlensauren Kalkformen und an Kalkspuren irgend welcher Art, indem sie zu der Vorstellung leitet,dass wohl die von dem Apallachischen Gebirge kommenden Gewässer alle mehr oder weniger Gehalt an freier Säure haben, welche denKalk leicht auflöst.
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