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Das Hochgebirge der Schweiz : Prachtwerk mit 52 der interessantesten Ansichten aus dem Alpen-, Gletscher- und Felsengebiete / mit topographischem Text von ... Eduard Osenbrüggen ; nach Photographien, getreu nach der Natur bearbeitet, in Stahl gestochen von J.L. Rüdisühli u.a.
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195 Orindelkmid-GletZeher. 196

landeskundige Mann bemerkt, heißt eine große rundeFluhmasse bei Brienz der dürre Grind. Darnach wäredas Beisammen der Waldung und der Bergköpfe namen-gebend für Grindelwald gewesen. Der Urwald ist imLaufe der Zeit durch die nur den augenblicklichen Vortheilberechnenden, nicht für die Zukunft sorgenden Menschengewaltig gelichtet worden und man hat auch ohne Auf-merksamkeit die Ziegen den jungen Wald benagen undvernichten lassen; aber die Bergköpfe sind geblieben.

Grindelwald ist unbestritten eins der schönstenGebirgsthäler der Schweiz und seine Berühmtheit verdankt es nicht zum wenigsten dem Umstände, daß manin bequemster Weise sich hier zwei Gletscher zur An-schauung bringen kann, welche als Ausläufer der groß-artigen Firnwelt auch den entzücken, der sie nicht mitdem Auge des Naturforschers mißt und prüft.

Wegen seines bequemen Zuganges ist der untereGletscher auch Damengletscher genannt und wird ammeisten in Augenschein genommen, aber wegen des rei-neren Eises empfiehlt sich' der Besuch des oberen Glet-schers. Wer nicht als Naturforscher für die fortwäh-renden Veränderungen am Ende des unteren GletschersInteresse hat, wird sich sehr getäuscht finden, wenn erin der Hoffnung zum ersten Mal in seinem Leben dieihm als unvergleichlich geschilderte Farbe des Gletscher-eises mit eigenen Augen zu schauen, da wo der Glet-scher anfangen soll, nur Geröll, Geschiebe und Schmutzsieht und von einer Farbenpracht auch weiter hinaufnicht viel entdeckt. Schwerlich wird es ihn entschädi-gen, daß er von Leuten, die den Drang der Mitthei-lung und Belehrung haben, an denen es dort nie fehlt,erfährt, welche Bewandniß es mit den Moränen derGletscher habe und wie ein Gletscher ab- und zunehme.Er wird sich entschließen, um die Schönheit eines Glet-schers sich zum Bewußtsein zu bringen, die Expeditionauf das „Eismeer" zu machen, die zwar ein wenigAnstrengung kostet, aber dadurch, weil man sich denGenuß verdient, um so lohnender ist. Es kommt ihmdabei zur Anschauung, wie dieser Gletscher zwischen denungeheuren Wänden des Mettenbergs und Eigers vonden Vicscherhörnern und der Strahleck herabsteigt. DerName Eismeer wird ihm zwar etwas zu großartigvorkommen, zumal da noch ein unteres und oberesEismeer unterschieden wird und der Vergleich des Glet-schers mit einem Flusse muß richtiger erscheinen, aberes macht die Architektur der Eismasfe und deren Ein-fassung einen großen Eindruck. Der Neuling in derGletscherwelt bewundert zum ersten Mal, wenn er in

eine Gletscherspalte hinabschaut, eine Farbe, die er blaunennen muß und die ihm doch ganz neu ist; er wirdgeblendet von dem reinsten Kristall der Gletschernadeln,die von der Sonne durchleuchtet, aber nicht erwärmtwerden. Auch sein Ohr wird in Anspruch genommen;rechts fällt ein großer Stein von der Felswand aufdas Eis; während er dahin blickt, springt ein neuerGletscherriß zu seiner Linken. Dabei ist keine Gefahr;es sind das nur Zeichen, daß auf und an dem Glet-scher die Bewegung nicht fehlt. Die Bewegung kannaber sehr bedenklich werden, wenn wir dem Berichteines früheren Pfarrers von Grindelwald Glaubenschenken müssen. Das Ziel der Tagreise war der Zä-senberg, der, wenn wir den Ausdruck Eismeer unsgefallen lassen wollen und den Viescher-Gletscher dazunehmen, der mehr einen solchen Namen vervient, wieein Vorgebirge in's Meer sich ausstreckt. Der Pfarrererzählt, wie er mit seiner Begleitung eine Viertelstundevom Zäsenberg ganz sorgenlos auf dem Eise sich ge-lagert habe und fährt dann fort: „Kaum aber saß ich,so hatte das wundersame Ereigniß des Gletscherwach-sens statt. Ein unvergleichbar schreckliches Getöse, einbetäubender Donner ließ sich hören. Um uns her fingalles an sich zu regen. Flinten, Bergbickel, Weidsäcke,die wir auf den Boden gelegt hatten, schienen lebendigzu werden. Felsenstücke, ruhig vorher auf dem Glet-scher haftend, rollten behend übereinander. Schründeverschlossen sich mit dem Knalle dem Schuß einer Ka-none gleich, und spritzten das Wasser, das gewöhnlichin ihnen sich befindet, bis zu Hauseshöhe, wobei wirtüchtig beregnet wurden. Neue, bis 10 und bis 20Schuh breite Spalte öffneten sich mit einem ganz un-beschreiblich widerwärtigen Getöse. Die ganze Gletscher-masse rückte vielleicht um einige Schritte vorwärts. Eineschreckliche Umwälzung schien sich zu bereiten; aber inwenigen Secunden war alles wieder still und nur dasPfeifen einiger Murmelthiere unterbrach das bänglicheTodesschweigen." I. R. Wyß hat diese Schilderungseines geistlichen Freundes in sein bekanntes Werk überdas Berner-Oberland aufgenommen und das Thatsäch-lichste ist nicht zu bezweifeln; aber was hier „Gletscher-wachsen" genannt ist, scheint mir doch nur ein kleinesErdbeben gewesen zu sein, das sich in dem Gletscherso äußern konnte.

Der obere Grindelwald -Gletscher wird besondersvon denen in Augenschein genommen, die von der großenScheidegg auf Grindelwald zugehen. Dieser Gletscherzieht sich vom Lauteraarjoch herab bis in's grüne Thal