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Das Hochgebirge der Schweiz : Prachtwerk mit 52 der interessantesten Ansichten aus dem Alpen-, Gletscher- und Felsengebiete / mit topographischem Text von ... Eduard Osenbrüggen ; nach Photographien, getreu nach der Natur bearbeitet, in Stahl gestochen von J.L. Rüdisühli u.a.
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201 Mettklhorn. 202

wollte. Dann folgt der lange Kamm des Viescher-Grates mit den beiden Vieschcr-Hörnern, beide bis zuihrer Spitze mit Schnee bedeckt. Der Mönch, welchereinen Theil des Grates ausmacht, ist kolossaler alsjene, er scheint mit heiterem Auge auf die Ebc-nc zublicken, welche er weithin beherrscht. Der Eiger , ob-gleich er weniger hoch ist, hat steilere Wände; er schautverdrießlicher und unzugänglicher aus, wie Neider,welche keinen Höheren neben sich dulden können. Hinterdem Mönch verbirgt sich ein sehr hoher Rücken, dernur mit seiner höchsten Spitze hervorschaut. Es istdie Jungfrau. Im Westen, am Fuße dieser Kolosse,liegt die Wengernalp mit ihrem grünen Rücken; sieerscheint so niedrig, daß man Zweifel hegt, ob diesesder Weg sei, den man so ermüdend nennt. Ein wenigweiter kommen die Berge, welche den Thuuersee um-geben. Die Scheideck und das Faulhorn werden durchdie beiden vorderen Wetterhörner verdeckt. Mittelhornund Wetterhorn sind wirklich zwei prächtige Piks, daserstere mit rundein Gipfel, das letztere eine wahre Py-ramide, ähnlich derjenigen des Niesen, aber kolossaler,kühner, mit zugespitztem Gipfel. Die Ebene ist mitWolken bedeckt und nur von Zeit zu Zeit bemerkenwir am Horizont die lange und einförmige Linie desJura."

Auch wer das Wetterhorn schon von der großenScheideck gesehen hat, wird es doch noch mehr bewun-dern, wo es in seiner ganzen Größe, ohne daß gewal-tige Vorberge seine Breitseite verdecken, von Grindel-wald ihm zur Anschauung kommt. Zwar imponireuhier auch der Mettenberg, die Viescherhörner und be-sonders der Eiger , und das große Schreckhorn stehtim Höhenrang über ihm, aber hier scheint es nicht sozu sein. Das Wetterhorn macht durchaus den Ein-druck, als ob es die Herrschaft über das Grindclwald-thal habe. „Aus grünen Wicsengründen schwingt essich als gewaltiger, vielfach zerrissener Felskoloß insteilen Hängen zu bedeutender Höhe empor, um mitschimmernden Schneefeldern und glänzenden Firnkegclnsich zu überdachen. Zu welcher Tages- und Jahreszeitman es auch immer betrachten mag, stets bietet eseigenthümliche Schönheiten, ob in leisem Dufte bläu-lich verschwimmend, ob scharf in allen seinen Theilenausgeprägt, und jede Beleuchtung, vom blendendenStrahle der Sonne bis zum blassen Lichte des Mondes,verleiht ihm einen besonderen Zauber. Nie aber istsein Anblick erhebender, als wenn, wie dies so häufiggeschieht, ein Wolkengürtel seine Flanken umzieht und

darüber Schultern und Haupt lichtumflossen in dieblaue Luft emporragen." (Aeby.) Je nachdem esmehr oder weniger dieses Wolkengewand umgeworfenhat, je nachdem dieses Gewand nur leicht und bequemherabhängt oder fester zum Haupte herangezogen istoder gar das Haupt umhüllt, darnach ist das Wetter-horn den Thalbewohnern der Wetterprophet und davonsoll es eben seinen Namen haben. Es giebt solcherWetterpropheten bekanntlich manche unter den Bergender Schweiz und an solche Berge hat sich vorzugsweisedie Sage und Mythe geheftet. Ich brauche hier nuran den Pilatus zu erinnern. Naturerscheinung ist jadie Mutter der Mythologie. Vorzugsweise ist die über-haupt im schweizerischen Gebirge sehr verbreitete Zwer-gensage mit dem Wetterhorn und seinem Bereich ver-bunden. Sehr lies bemerkte schon V. von Bonstetten:„Die Idee der Größe bleibt immer klein neben denAlpen und die Fabel der Giganten wäre nie in derSchweiz erfunden worden." Mit Bergmännlcin wardas Berginnere bevölkert und sie standen mit den Men-schen in einem freundlichen Verkehr, sie leisteten den-selben wesentliche Dienste. Was Pfarrer Germer inseiner Beschreibung des Thals von Grindrlwald ausder Zwergensage mittheilt, stimmt ganz überein mitdem reichen Detail, das wir durch Roch holz, Lü-tolf, Vernaleken u. a. kennen, aber neu ist dieNachweisung des Orts am Fuße des Wetterhorns,wo die Zwerge ihr Eingangsportal hatten. „Fast amFuße des Wetterhorns, „im obern Eispfad", wo Föh-ren den Fels bekleiden, bort war ihr Eingang in denBerg; zugemacht ist er jetzt spurlos; die Besteigendes Berges denken kaum daran, über welche classischeStelle sie hinschreiten. Da zogen sie ein und aus uudder ganze Berg war ihr Revier; das Innere desselbenwar ihr Winterquartier und derjenige Theil, welcher„der obere Berg" genannt wird, ihr eigentlicher Tum-melplatz." Auch der Grund ihres VcrschwindcnS ausdieser Gegend ist derselbe, wie er sonst überliefert ist.Ein übermüthiger, junger Bursch klettert zu dem „obernBerg" hinan, belauscht die Zwerge und sieht, wo siesich der Ruhe pflegen. Er macht den Stein, woraufeiner der Zwerge sein Mittagsschläfchen zu halten pflegt,glühend heiß und verbirgt sich dann hinter einem Fel-sen, um zu sehen, was nun kommen werde. Der arg-lose Zwerg kommt zur berechneten Stunde und legtsich auf den Stein, verbrennt sich aber jämmerlich undfährt schreiend wieder auf. Da hört er erst leises Ki-chern, dann höhnisches Lachen in der Nähe und erkennt,