den Trümmern begraben zu wissen. Aber da er um-schaut, tritt hinter einem Felsen sein junges Weib mitdem Kindchen aus dem Arm hervor. Sie war wun-derbar gerettet, nachdem bei jedem Donnerton derstürzenden Felsen und bei jeder Erschütterung ihrerHütte sie sich unrettbar verloren geglaubt hatte. Solltesie bleiben oder fliehen? In beiden Fällen war dieGefahr gleich groß. Sie stand in dem kritischen Au-genblick in der Küche um ihrem Kindchen einen Breizu bereiten; als sie die Stube verließ, hatte das Kindruhig in der Wiege geschlafen. Da dachte sie: ichwill schauen, ob mein Kind noch schläft oder ob eswacht; schläft es, so will ich es nicht aufstören, ist eserwacht, so will ich es aufnehmen und forteilen. Gott hatte ihr diesen Gedanken vom Himmel gesendet. Alssie in die Stube trat, sah sie die klaren Augen deserwachten Kindes und im nächsten Augenblick war siemit demselben aus der Hütte heraus ; im zweiten Au-genblick erbebte die Erde unter ihren Füßen und wardie Hütte abwärts geschleudert. So wurde ihr Kindihr rettender Engel.
Etwas weiter nach unten am Berge hatte derBruder von Bläst Mettler, Sebastian, seine Hütte.Der Mann war am zweiten September mit einigemVieh auf der Allmend am Rigi , die Hausfrau befandsich mit zwei kleinen Kindern daheim. Da kam dieStein- und Erdlawine und die Hütte war verschwunden.Sobald es möglich war, eilten die weiter unten woh-nenden Eltern und Geschwister jener Frau, die ihrLeben gerettet hatten, hinaus, um zu erfahren, wasaus dem Hause und den Inwohnern geworden sei,fanden aber nur ein wüstes Trümmergrab. Als sieaber noch in Schmerz versunken die Stätte umstanden,wo die Hütte nach ihrer Berechnung gewesen war,bemerkte der Bruder der verschwundenen Frau etwasweiter abwärts einen Gegenstand, der ihm wie eingefüllter Bettsack vorkam und darauf schien ein kleinesKind zu liegen. Um der Sache gewiß zu werden,arbeitete er sich durch die weiche mit Steinen unter-mengte Schlammmasse hindurch und findet ein Kind,das ruhig ihm entgegenlächelt, auf dem Laubsack liegen.-Er trägt das Kind zu den Seinigen und das sichereAuge der Großmutter erkennt in demselben ihren klei-nen Enkel. Manche Erklärungsversuche dieser wunder-baren Rettung sind damals gemacht worden, aber beijedem dieser Versuche blieben Zweifel übrig; nur daranzweifelte Niemand, daß der Schutzengel des Kindestreue Wacht gehalten habe.
Auch die Dörfer Lowerz und Seewen wurden vondem verheerenden Naturereigniß erfaßt und Häuserund Menschen fanden dort, besonders in Lowerz, ihrenUntergang. Der Lowerzer-See, den wir als lieblichenWasserspiegel kennen, war eine tobende Fluth geworden,deren Brandung weit über die Ufer stürmte. Diekleinere Insel in dem See war ganz von der empörtenFluth überspült, auf der größeren, der s. g. Schwanau ,reichte das Wasser bis zum Glockenthurm der Ein-siedelei.
Schon im September 1806 zeichnete ein züricherKünstler, I. H. Meyer, von einem Standpunkt ober-halb dem Dächli am Rigi das Bild der Verwüstung,wie es auch in unserm Bilde reproducirt ist. DerselbeKünstler hatte früher von demselben Orte aus dieGegend aufgenommen und er sagt in dem kurzen Text,der den beiden radirten Bildern beigegeben ist: „Ineinem Augenblick war das Thal von Goldau noch einParadies, in dem darauf folgenden eine Steinhölle,voll Todesschauer und Grauen." Mancher Frühlinghat erscheinen müssen, um dieses Grauen zu mildern.Zwar gibt die Sturzbahn, auf welcher die Vernichtungeinst Herabfuhr in das Thal, auch jetzt noch den An-blick einer schrecklichen Oede; unter den Felsblöckcn,welche in das Thal herabgcschmettert sind, hat dieMenschenhand nur wenig aufräumen können; aber umdiese Denkmäler des Schicksalsjahres 1806 herumzeigen Gras und Blumen neues Leben. Ein neuesGoldau ist in der Nähe der alten Stätte auch wiedererstanden. Zuerst konnten nur eine Kapelle und einekleine Anzahl von Häusern gebaut werden, seit 1849hat Goldau wieder eine Kirche und freundliche Men-schenwohnungen mehren sich an der von den Rigifahrernso stark begangenen Straße. Zschokke schrieb noch:
„Ueber den unfruchtbaren Schutt, zwischen Fels-stücken und Wasserpfühen, schlängelt sich nun der Wegvon Arth gen Schwyz . Hin und wieder hebt sich einmageres Gesträuch an todten Klippen. Eine Kapelle,ein Wirthshaus für Reisende, ein Heustall, über denRuin aufgerichtet, tragen den Namen des verschwun-denen Goldau und deuten in der Einöde auf die ehe-malige Stätte desselben hin."
Der zweite September ist den Thalbewohnernein ernster Tag geblieben, der sie alljährlich zu einerkirchlichen Feierlichkeit, der „Schuttjahrcszeit" ver-sammelt.
Ebel sagt von dem besprochenen Sturz: „Esist kein Bergfall oder Felsensturz, sondern ein unge-.