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klingen sehr schwer und ungewiß, besonders wenn man er«wägt, daß ein Grad auf der Oberfläche des Mondes, ausseinem Mittelpunkte gesehen, nur 15 Secunden von derErde gesehen beträgt*).
Das Daseyn aber und die Nothwendigkeit dieser Libra-tioncn wird durch die Theorie außer Zweifel gesetzt. Zwarscheint es, daß uns der Mond auch dann immer dieselbeSeite zukehren würde, wenn seine Rotation der mittlernBewegung des Mondes um die Erde vollkommen gleich wäre.Allein bey einer näheren Untersuchung findet sich hierin einWiderspruch, denn da die mittlere Bewegung selbst (23. 11.Eap. II.) veränderlich ist, so entsteht dann die Frage, mitwelcher mittlern Bewegung die Rotation übereinstimmensoll. Es ist aus S. 280 bekannt, daß die mittlere Bewe-gung schon seit zehntausend Jahren zunimmt, und daß sienoch zwanzigtausend Jahre zunehmen wird. Wenn daher dieRotation derjenigen mittleren Bewegung, die zu irgend einerZeit statt hat, gleich wäre, und immer gleich bliebe, so wür-den diese beyden Bewegungen vor und nach dieser Epocheimmer mehr von einander abweichen, und wir würden auchdie uns bisher unsichtbare Seite des Mondes zu Gesichte be-kommen, was gegen die Erfahrung ist. Soll also der Mondwie er in der That thut, uns immer dieselbe Seite zukehren,so muß seine Rotation an jenen säculären Ungleichheiten dermittleren Bewegung ebenfalls Theil nehmen, und da jede freyeRotation ihrer Natur nach nicht anders als gleichförmig seynkann, so muß eine besondere Kraft dieselbe Seite des Mon-des immer wieder zur Erde zurückführen, oder die Librationdes Mondes ist nothwendig, um jene merkwürdige Erschei-nung hervorzubringen, die sich den Erdbewohnern seit Jahr-tausenden zeigt.
*) Eine andere Gattung von bloß scheinbaren Librationcn des Monds?ist bereits oben (II. S. 291 ) erklärt worden.