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Practische Anleitung zur Anwendung der Cemente zu baulichen, gewerblichen, landwirthschaftlichen und Kunst-Gegenständen : bearb. von W.A. Becker
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66
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Die Portland-Cement-Fabriken in Züllchow bei Stettin und bei Bonn

Wer der Entwickelung der inländischen Industrie neue-ster Zeit mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, dem kann nicht ent-gangen sein, wie eine gesteigerte Regsamkeit, im Vereine mitwissenschaftlicher Forschung in früher nie geahntem Umfangeauf vaterländischem Boden die Elemente zu so manchen in-dustriellen Geschäftszweigen aufzufinden und nutzbar zu ma-chen wufste, in denen früher eine Abhängigkeit vom Auslande,und namentlich von England, als etwas Herkömmliches undUnvermeidliches angesehen wurde. Die Erfolge dieser Be-strebungen brechen Schritt vor Schritt das Vorurtheil, wel-ches seither der englischen Industrie günstig zur Seite stand.

Unter den Fabrikaten, welche nunmehr eine Ebenbür-tigkeit mit den englischen errungen haben, verdient auchder Portland-Cement genannt zu werden.

Vor etwa 10 Jahren war in unserm Vaterlande die Fa-brikation des Portland-Cementes, des anerkannt besten allerkünstlichen Cemente, noch sehr wenig zur Entwickelunggekommen, was den eigenthümlichen Schwierigkeiten, welchemit dieser Fabrikation verbunden sind, und der Unkenntnifsüber das Vorhandensein der erforderlichen Materialien zuzu-schreiben ist.

Cemente von der Güte des englischen Portland -Cementsdarzustellen, war noch bis dahin keiner der in Deutschlandexistirenden Cement-Fabriken gelungen. Zumeist beschränkteman sich darauf, vom Rhein bezogenen Tuffstein zu Trafs zuvei-arbeiten, oder eine dem englischen Roman-Cement ähn-liche Qualität zu produciren.

Die Portland - Cement - Fabrik in Züllchowbei Stettin.

Zur Darstellung von wirklichem Portland-Cement aus in-ländischen Materialien hat die eben benannte Portland-Cement-Fabrik, nach grofser Ausdauer und Beharrlichkeit, mit bestemErfolge Bahn gebrochen, und es dürfte von Interesse sein,über die Begründung dieser ersten umfangreichsten Cement-Fabrik in Deutschland hier Näheres mitzutheilen.

Nachdem der ausgezeichnete Chemiker Herr Dr. Herr-mann Bleibtreu, jetziger Generaldirector des Bonner Berg-werks- und Hütten-Vereins, auf der Alaunhütte auf der Hardtbei Bonn, bereits seit längerer Zeit die Cement-Bereitung alsGegenstand des Nachdenkens und der technischen Forschungsich vorgenommen und wissenschaftlich unablässig verfolgthatte, wurde seine Aufmerksamkeit insbesondere auf den Nor-den Deutschlands gelenkt, wo in der Kreide-Formation derOstseeküste der mit wesentliche Grundstoff des Cements, näm-lich Kalk, sich in sehr geeigneter, leicht zerreiblicher Formvorfindet, und wo in Ermangelung alles natürlichen Materialszu einem Wasserbau-Mörtel für die erste Anlage einer künst-lichen Cementproduction sich um so sicherer ein Feld desAbsatzes voraussehen liefs.

Nach gewonnener näherer Kenntnifs der Verhältnisse desNordens wurde Herr Dr. Bleib treu, im Verfolg der Sachemit dem Kaufmann und General-Consul Herrn Paul Gutike

in Stettin bekannt, der sofort, die hohe Bedeutung der Anlageerfassend, dieselbe im Vereine mit Herrn Dr. Bleib treu zuweiterer Prüfung und Durchführung in die Hand nahm.

Beim Beginn der ersten Versuche 1852 glaubte Herr Dr.Bleibtreu einen Theil des Materials zur Cement-Fabrikationnur aus der Ferne zuführen zu können. Es glückte ihm in-defs ein Material an Ort und Stelle ausfindig zu machen, wel-ches sich nach angemessener chemischer Behandlung als ganzvorzüglich zur Cement - Fabrikation bewährte, so dafs nundie sämmtliclien Hauptgrundstoffe der Cement-Fabrikation ander Wasserstrafse der Oder nahe zusammenlieaen.

Auf einem von Herrn Gutike angekauften Grundstückin Züllchow bei Stettin, über 18 Morgen haltend, ist dasgedachte Material, durch eine Reihe von Bohr-Versuchen, insehr bedeutender Mächtigkeit aufgeschlossen worden, den Be-darf einer umfangreichen Fabrikation auf eine lange Reihevon Jahren verbürgend.

Die Lage des bezeichneten Grundstücks machte dasselbe,in Verbindung mit dem eben bezeichneten Funde, ganz vor-züglich geeignet zur Begründung der Cement-Fabrikation.Die dasselbe berührende Wasserstrafse gestattet bei entspre-chender Einrichtung von der Fabrik aus die directe Verla-dung zur See sowohl, wie nach den binnenwärts gelegenenAbsatzbereichen, Berlin u. s. w.

Aufserdem gewährt die Nähe der Stadt Stettin, in Ent-fernung von nur \ Meile, aufser dem Wasserwege, durch eineneuangelegte, am Grundstücke unmittelbar vorbeiführendeChaussee, bequem zugänglich, dem Fabrik-Etablissement, so-wie der ganzen Geschäftsführung, manchen wichtigen Vortheil.

Auf die hier angedeuteten Grundlagen hin, wurde dasbegonnene Unternehmen begründet, und es liegt somit in dennatürlichen Verhältnissen eine Bürgschaft der Lebensfähig-keit, wie sie kaum günstiger für ein solches Etablissementgedacht werden könnte.

Die erste Anlage der Cement-Fabrik wurde nur in einemMaafsstabe begründet, der vollkommen genügte, über dieQualität des erzielten Produkts genügende Klarheit zu ge-winnen. Mittelst einer provisorisch aufgestellten Dampfma-schine von 10 Pferdekraft wurde die Zubereitung der Cement-Mischung und die Zerkleinerung der gebrannten Masse be-wirkt, und das chemische und mechanische Verfahren defi-nitiv festgestellt. Auch hinsichtlich des Brennens der Cement-Masse, eines sehr schwierigen Theils der Fabrikation, wurdeein sicherer Anhalt gewonnen, und die von Hrn. Dr. Bleib-treu construirten Cement-Oefen bewährten sich als vollkom-men gut und zweckentsprechend. Nach etwa einem Jahre derersten, 1852 begonnenen Versuche, wurden nun in Bezug aufdie Qualität des Produkts die befriedigendsten Resultate erzielt.

Zur gründlichen Prüfung über die practische Verwend-barkeit des erzielten Produkts zu den verschiedenartigstenArbeiten, erhielt der Verfasser den Auftrag.

Die Resultate der umfassenden Versuche in Luft undWasser, mit und ohne Sandzusatz, zum Giefsen und Formenu. s. w. waren in jeder Beziehung so befriedigend, dafs dasdarüber ausgestellte Zeugnifs dahin lautete: