Thaies und die älteste griechische Geometrie.
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senkrecht aufgestellten Gegenstände geworfenen Schatten wirklichabzumessen. Damit vervollständigen sich unsere früheren Mittheilungen(S. 92) über den Gnomon, seine Erfindung und Uebertragung. Wirhaben damals erwähnt, dass der eigentliche Gnomon nach Herodot in Babylon zu Hause war, dass gleichfalls nach Osten der Name desBerosus hinweist, dass die Bekanntschaft der Hebräer mit dem Stunden-zeiger alt verbürgt ist. Neu tritt jetzt hinzu, dass auch in Aegypten Schatten gemessen wurden, eine Ueberlieferung, welche mit jenerersteren keineswegs in Widerspruch steht. Wir haben mehrfach schonmathematische Zeugnisse alter Verbindungen zwischen Nil - und Euphrat-ländern anführen dürfen; hier ist vielleicht wieder ein solches, undüberdies ist es noch immer nicht das Gleiche, wenn an einem Orteder Schatten zu geometrischen Zwecken gemessen wurde, am anderenzur Herstellung einer Schattenuhr diente.
Wir haben auch schon den Mann genannt, der die Schattenuhrden Griechen bekannt machte. Anaximander von Milet war es,welcher Favorinus zufolge') zuerst eine solche in Lakedämon auf-stellte; während wohl durch ein Missverständnis genau dasselbe durchPlinius 2 ) dem Anaximenes, dem Schüler des Anaximander nachge-rühmt wird. Anaximander war 611 geboren und wurde Schüler desThaies , als dieser in der Heimath sich niederliess, wofür wir etwadas Jahr 586 anzunehmen durch die vorausgesagte SonnenfinsternisVeranlassung haben. Anaximander starb kurz nachdem er 64 Jahrealt geworden war, also etwa 545. Ein Lexikograph Suidas berichtetvon ihm, er habe nächst der Einführung des Gnomon vollständig eineHypotyposis der Geometrie gezeigt. 3 ) Wir begnügen uns mitder Wiedergabe des griechischen Wortes, mit welchem wir bei demFehlen jeder deutlicheren Angabe Nichts anzufangen wissen. Es istja richtig, dass Hypotyposis durch „bildliche Darstellung“ übersetztwerden darf, ohne dass eine sprachliche Einrede erhoben würde; esist auch möglich, dass die Meinung sei, Anaximander habe eine „Reiss-kunst“ geschrieben, d. h. eine Angabe geometrischer Constructionenohne Begründung derselben 4 ); aber mehr als eine schwache Möglich-keit liegt nicht vor.
Jedenfalls hat das alte Mathematikerverzeichniss von dieser geo-metrischen Thiitigkeit des zweiten ionischen Naturphilosophen nichtNotiz genommen. Es fährt nämlich fort:
„Nach ihm (Thaies) wird Mamerkus, der Bruder des Dichters
') Diogenes Laertius II, 1 . J ) Plinius , Ilistoria naturalis II, 70.3 ) Suidas s. v. An aximandros: yvcofiovu x elgqyays a«i olwg yscouszQiagvnoxvncaoiv täei^sv. 3 ) Bretsehneider S. 62 theilweise nachRöth, Geschichte derabendländischen Philosophie II, 132. Priedlein, Beiträge zur Geschichte derMathematik II. Hof, 1872, S. 15, übersetzt: er gab eine bildliche Darstellungder ganzen Geometrie heraus.