Die Mathematik der Chinesen.
573
sehen Beziehungen der Wörter eines Satzes zu einander nur durchdie gegenseitige Stellung sowie durch eigens dazu vorhandene Par-tikeln ausgedrückt werden müssen, zweitens dass die Schrift derChinesen keine Lautschrift oder Silbenschrift, sondern eine ursprüng-lich bildliche Begriffsschrift ist, deren Zeichen cursiv geworden undihrer ursprünglichen Gestalt entfremdet nunmehr aus 214 Schlüsseln ')durch das reichhaltigste Verbindungsverfahren hergestellt werdenkönnen. So wuchs die Anzahl chinesischer Zeichen bis auf die42 000 des Wörterbuches Kaisers Kang hi, während freilich die viersogenannten klassischen Bücher der Chinesen nicht mehr als dieKenntniss von 2400 Zeichen von ihrem Leser verlangen. 2 ) Das sindimmer noch viel mehr als eigentliche chinesische Stammwörter vor-handen sind, deren man neuerdings 304 zählt, welche sich durchverschiedenartige Betonung auf 1289 erheben 3 ), aber naturgemässweitaus nicht hinreichen jedem Begriffe ein eigenes Wort zuzuwenden,so dass 20, ja 30 chinesische Schriftzeicheu durch dasselbe W'ortausgesprochen werden, beziehungsweise dass man dasselbe Wort,weil es 20 bis 30 Bedeutungen besitzt, bald so bald so zu schreibenübereingekommen ist.
Diese Armuth der Sprache nöthigte nun bei den ZahlwörternVerbindungen weniger Elemente eintreten zu lassen, und die Elementewurden nicht anders als wie bei den übrigen Völkern gewählt, denenwir bisher unsere Aufmerksamkeit zu wandten: das Zehnersystem derZahlbildung ist auf das Folgerichtigste festgehalten. Der Mangel anjeglicher Beugung liess ja nicht einmal Wortverschmelzungen wiez. B. unser dreissig zu; die Wortelemente drei und zehn mussten un-verändert sich zusammensetzen. Eben dieselben Wortelemente mussten zuder Bildung des Zahlwortes dreizehn ausreichen, und so ergab sich fürdie Chinesen als sprachnothwendig, w r as überall sonst mehr oder wenigerWillkür war: Man musste je nachdem der Name einer kleinerenZahl dem einer grösseren voranging oder folgte bald multiplikativbald additiv verfahren, und vermöge des Gesetzes der Grössenfolge,welehes dem des Zehnersystems im Allgemeinen noch vorgeht, ergabsich die Regel von selbst aus san = 3 und che = 10 additiv chesän = 10 -j— 3 = 13, multiplikativ sän che = 3 X 10 = 30 zu bilden.Die Schrift hat nun bei den Chinesen dieselbe Methode festgehalten.Sie unterscheidet sich freilich von der dem Europäer geläufigenReihenfolge in so fern als der Chinese seine Wörter von oben nachunten zu Zeilen, die Zeilen von rechts nach links zu Seiten ver-einigt 4 ), aber diese Anordnung als bekannt vorausgesetzt schreiben
') 1’erny II, 103. 2 ) Stanisl. Julien im Journal Asiatique von Mai 1841,
pag. 402. 3 ) Perny I, 34—30. 4 ) Abel ltemusat, Klemens de la grammaire