092 Kapitel LXXV.
starke Abhandlung De ratiociniis in ludo aleae von Chris tian Huy-gens. Seine geometrischen Erstlingswerke aus den Jahren 1651,1654, 1656 haben uns ^S. 654) beschäftigt. Sie führten dazu, denNamen des noch jugendlichen Verfassers rasch bekannt zu machen,und als Huygens im Sommer 1655 nach Paris kam, trat er schon infast gleichberechtigten Verkehr mit Roberval und anderen Mathe-matikern. Dort erfuhr Huygens jedenfalls von dem zwischen Pascalund Ferrnat brieflich Verhandelten. Als er nach Holland zurück-kehrte, blieb er in Briefwechsel mit französischen Gelehrten, so auchmit Pierre de Carcavy. 1 ) Dieser war der Sohn eines reichenBankiers. Am Anfänge des XVII. Jahrhunderts geboren, nahm er1632—1648, also gleichzeitig mit Ferrnat, die Stellung eines Parlaments-rathes in Toulouse ein. Vermögensverlust nöthigte ihn, sein Amt zuverkaufen. Seit 1663 war er dann an der königlichen Bibliothek inParis angestellt, welcher bei seinem Tode 1684 die werthvollen Samm-lungen zufielen, die er angelegt hatte. Carcavy also schrieb unterdem 22. Juni 1656 an Huygens und legte einen vor wenigen Tagenvon ihm erhaltenen Brief Fermats bei, in welchem Ergebnisse derWahrscheinlichkeitsrechnung, nicht aber das Verfahren zu denselbenzu gelangen mitgetheilt waren. 2 ) Huygens wies desshalb mit Rechtin der am 27. April 1657 niedergeschriebenen Vorrede zur Abhand-lung über das Würfelspiel die Ehre erster Erfindung zu Gunstenseiner französischen Vorgänger zurück, fügte aber mit gleichem Rechtehinzu, jene hätten ihre Methoden so geheim gehalten, dass er ge-zwungen gewesen sei, den ganzen Gegenstand von den ersten An-fängen an zu entwickeln. 3 ) Schon am 10. März 1656 waren Huygens’Untersuchungen über die Wahrscheinlichkeitsrechnung im Gange, am20. April war Einiges druckfertig, am 6. Mai hatte Franciscus van Schootenschon zugesagt, vielleicht schon begonnen, die holländisch geschriebeneAbhandlung ins Lateinische zu übersetzen, 4 ) um sie dann 1657 unterdem oben angegebenen Titel seinen eigenen vermischten Untersuchungenals Anhang anzuschliessen, und alle diese Daten liegen vor dem desBriefes, in welchem Carcavy die Fermat’sche Einlage übersandte, eineBestätigung unserer Behauptung, dass der Keim zu Huygens’ Unter-suchungen in Gesprächen gelegt wurde, welche bereits in Paris statt-fanden.
') Vergl. eine ausführliche Abhandlung von Ch. Henry im Bulletino Bon-compagni T. XVII (1884). *) Oeuvres de Huygens I, 431—434. 3 ) Sciendum
vero, quod jam pridem inter praestantissimos tota Gallia geometras calculus hicagitatus fuerit, nequis indebitam mihi primae inventionis yloriam hac in re tri-buat. Oaeterum illi, difficiUimis guibusque quaestionibus se invicem exercere soliti,methodum suam quisque occultam retniuere, adeo ut a prirnis elementis universamhanc materiam evoluere mihi necesse fuerit. ') Oeuvres de Huygens 1, 389,
405, 413.