und in diesem Briefe stellte er gnulezu die Anfrage, was Huygensvon seiner Differential- und Integralrechnung denkeV
Binnen Monatsfrist erfolgte diesmal die Antwort. Huygens ge-stellt zu 1 ), er habe bisher die Aufsätze in der Leipziger Zeitschriftnicht so genau studirt, dass er in ihr Verständniss eingedrungen sei;er habe immer geglaubt, mit seinen eigenen Methoden ebensoweit zukommen. Jetzt habe aber Leibniz durch seine Schilderung dessen,was er zu leisten im Stande sei, ihm Lust gemacht, sich mehr demneuen Calcul zuzuwenden.
Im October hat er es gethan 2 ). Er gibt zu, die Differential-rechnung sei gut und nützlich, aber er beharrt dabei, sie sei nichtunentbehrlich. Habe er doch ohne dieselbe vielfach die gleichen Er-gebnisse erzielt wie Leibniz. Gewiss, antwortet nun Leibniz imOctober 1690, die Zeichen dx oder r ly seien nicht unentbehrlich.Huygens sei voll berechtigt, sie durch irgend welche Buchstaben zuersetzen. Aber auf Eines wolle er doch aufmerksam machen").Würde man wohl, wenn man statt xr und x" etwa m und n schriebe,ebenso durchsichtig mit diesen letzteren Buchstaben als mit dem,wofür sie gesetzt sind, rechnen? Genau in derselben Weise verhaltees sich mit dx, mit ddx.
Diese feine Bemerkung blieb wirkungslos. Im Mai 1691 ver-wahrt sich Huygens 4 ) gegen den Calculus differentialis und wünscht,Leibniz solle ihm nicht wie an einen darin Eingeweihten schreiben.Am 1. September 1691 bezeugt er Neigung, ihn nun wirklich kennenzu lernen''). Am 17. September 1693 nennt er sich massig ein-geweiht 6 ), mit Ausnahme der ddx, die er noch nicht verstehe. Ja,am 27. December 1694, in dem letzten Briefe, den Huygens über-haupt an Leibniz richtete, erklärt er noch einmal 7 ), die ganze Me-thode bleibe ihm nie gegenwärtig, wenn er eine Zeit lang aufgehörthabe sich mit ihr zu beschäftigen. Wir werden den fremden Ein-fluss noch kennen lernen, unter welchem sich Huygens im Ganzenso abweisend verhielt. Jedenfalls hat er an der Fortbildung derLeibnizischen Lehre nicht theilgenommen.
Ganz anders stellten sich dazu die Brüder Jakob und JohannBernoulli (S. 85). Der Leibniziscke Aufsatz von 1684 hatte derenWissbegier geradezu auf die Folter gespannt. Es ist nicht an dem,was Johann in einem nachgelassenen Abrisse des eigenen Lebens er-zählt hat 8 ), dass beide Brüder erst 1687 durch einen Zufall mit
') Leibniz II, 45. ! ) Ebenda II, 47. 3 ) Ebenda II, 4!). *) Ebenda II, 93.
r ') Ebenda II, 100. 6 ) Ebenda II, 162. 5 ) Ebenda II, 203-204. 8 ) llud. Wolf,
Biographien zur Kulturgeschichte der Schweiz II, 71 — 94. Die hier beigezogeneStelle S. 72.
Uantor, Geschichte der Mathematik. IIT.