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Handbuch der Gletscherkunde / Albert Heim
Entstehung
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Temperaturabnahme

wo die Sonnenstrahlen den Boden unter stets schieferwerdendem Winkel, oder in den Polargebieten sogarjedes Jahr während mehreren Monaten gar nicht mehrtreffen, kommen wir in ein kälteres Klima, zuletzt ineinen nur wenig unterbrochenen, sogar einen „ewigen“Winter hinein. Ganz ähnliches beobachten wir auch inden gemässigten und warmen Zonen beim Aufsteigen indie Höhe in einem Ballon oder an den Gehängen einesGebirges. Die Temperaturabnahme mit der Höhe hatlange Zeit der Erklärung Schwierigkeiten bereitet. Steigenwir denn nicht dorthin der Sonne entgegen, und erreichenuns ihre Strahlen dort nicht unmittelbarer als unter dendunstigeren tieferen Lagen der Atmosphäre?

Die niedrigere Temperatur der hohen Regionen er-klärt sich in folgender Weise:

1. Wenn die Atmosphäre sich vorwiegend unmittel-bar durch die Sonnenstrahlen erwärmen würde, so würdendie zunächst getroffenen oberen Lirftschichten sich amstärksten erwärmen, für die unteren bliebe nichts mehrübrig. Die Tiefe wäre kalt oder nur von der Erdwärmebeeinflusst, Winde könnten nur in geringem Masse ent-stehen, um Mischung der höheren warmen Luftschichtenmit den tieferen kälteren zu erzeugen. Dem ist abernicht so. Die Atmosphäre lässt die leuchtende Wärme-strahlung namentlich in ihren höheren Schichten zumgrössten Teile ungestört durchgehen, so dass sie nur insehr geringem Masse von oben erwärmt wird. DieSonnenstrahlen bewahren den grösseren Teil ihrer Wärmebis durch die tieferen Schichten hinab und geben dieselbeerst dem Erdboden ab. Nach den Versuchen von Violleergab sich den 16. und 17. August 1875 bei ganz hellemWetter, dass nur 6°/o der Sonnenstrahlung von der Atmo-sphäre schon über dem Gipfel des Mont Blanc (4810 m)absorbiert wurden, 11 °/o bis zu den Grands Mulets (3050 m),21°/o bis zum Niveau von 1200 m, und dass 70—75° l o,also der überwiegende Teil, den Erdboden im Meerniveauerreichen. Unter mittleren geographischen Breiten wirdzwar bei wechselnden Witterungsverhältnissen durch-schnittlich mehr, nahezu die Hälfte der Strahlen von der