DIE NILKATARAKTE UND MEMPHIS.
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Es ist schon über 7 Uhr. Das Diner steht bereit. Die erlauchten Reisenden und ihrGefolge, das gegenwärtig aus 16 Personen besteht, setzen sich zu Tisch. Die Cabine, in welcheraufgetragen wird, ist überreich geschmückt mit schwerer Vergoldung und Wandmalereien. DurchFenster und Thüren dringt der noch immer heisse Hauch eines südlichen Abends ein. DieStewards, die auf Befehl des Khedive dem besten Hotel Kairos entnommen worden sind, umIhre Hoheiten während der ganzen Zeit des Aufenthalts in Aegypten zu bedienen, leisten beider Mahlzeit durch flinkes Aufwarten ihr Möglichstes, um der Gesellschaft ohne VerzögerungGelegenheit zu verschaffen, sich entweder in das anstossende, mit grossen gelben Seidendivansversehene Gastzimmer zurückzuziehen oder das über diesen Salons gelegene Sonnenzelt aufzu-suchen und dort rauchend die Müsse zu verbringen. Unterm Sonnenzelt fliegen die Tagesstundenin wonnigem Genüsse dahin; aber zur Nachtzeit, mitten in der beseligenden Natur Ober-Aegyp-tens, herrscht eine Ruhe, die an kaum hörbaren Lauten so reich und doch auch wieder so ein-förmig ist, dass ihre wunderbare und unvergessliche Einwirkung auf das Gemüth sich nichtbeschreiben lässt.
Der Mond muss jenseit des Flusses auftauchen, er lässt aber lange auf sich warten.Endlich erscheint hinter den Bergen ein blassröthlicher Kreis, der entfernt an ein Riesengesicht ge-mahnt. Das Mondlicht legt sich grell und scharf als breiter Streifen über den Nil, links undrechts davon herrscht tiefes Dunkel, und nur stellenweise zittert auf der Wasserfläche, gleich Gold-fischchen, der gleissende Widerschein nebelhaft schillernder Gestirne.
Tiefe Stille. Man hat keine Lust, sich auch nur zu regen, geschweige denn sich mitirgendetwas zu beschäftigen. Man könnte wol die Landungsbrücke benutzen und ein wenig amUfer spazieren gehen. Aber die Dunkelheit und der steile, schlammige Aufstieg am Ufer ver-leiden es einem, die Yacht auch nur zeitweilig zu verlassen.
Mit jedem in dieser ungewohnten Umgebung zugebrachten Abend fühlt man sich je längerje stärker in tiefster Seele gleichgestimmt mit der Welt des Orients und begreift manches, wasaus der Ferne bücherhaft—abstract und unverständlich erschienen war. Mun wächst in einSeelenleben hinein, von dem man früher keine Ahnung hatte. Wie sollte man z. B. in einersolchen Nacht wie heute nicht nachfühlen, was dei Muhammedaner mit seinen Vorstellungenvon den Dschins ausdrücken will, jenen eigenthümlichen, märchenhaften Wesen, die schon zuAdams Zeiten existirt hatten. Ein Mittelding zwischen Engeln und Menschen, sind sie aus Feuergebildet; sie nehmen in der Hierarchie der Geistermächte eine bescheidene Stellung ein,können unsichtbar überall zugegen sein, nach Belieben irgendeine Gestalt annehmen, nichtallein eine menschliche, sondern auch eine thierische, ja selbst als Ungeheuer erscheinen. DeiTod droht auch ihnen, obschon das Leben eines Dschin Jahrhunderte währen kann. Einigevon ihnen haben sich zum Islam bekehrt, andere aber, die sogenannten Schaitane, nicht, an derSpitze der letztem steht Iblis, der Satan. Jeder Mensch besitzt seinen Dschin, der ihm von Geburtan zugesellt worden ist.
Eine solche Vorstellung spricht an und für sich weder zum Verstände noch zum Gemüthe.Ab er hier, am Nil, in dieser einlullenden Natur, in diesem silberdurchwirkten Nebelflor, wo nichtselten unbestimmte, fast formlose Schatten an unserm Blicke vorüberschweben: hier tritt diePhantasie frei und schrankenlos in ein inniges Verhältniss zu den Geisterstimmen und Traum-gestalten des uns umwallenden nächtlichen Dunkels, hier fühlt sie sich angethan mit Schwingen,hie sie hinauftragen in jenes Reich der Herzenseinfalt und Märchenwelt des Morgenlandes, derenerhaben einfache und doch zugleich seelenergreifende Sprache ihren lebendigsten Widerhall findetln her Tiefe unseres eigenen Wesens.