216
DIE NILKATARAKTE UND MEMPHIS.
Donnerstag, 4. December.
Fast das gesammte Gefolge wohnt auf dem „Hehia“, weil der „Feiz Rabbani“ zwar schönist und geräumig erscheint, in Wirklichkeit aber nur eine geringe Anzahl Kajüten enthält, währendwir doch ziemlich zahlreich sind. Eine solche Theilung, die nur für die Nachtzeit unumgänglichwird, ist am Tage gar nicht weiter bemerkbar, denn am Morgen und bis zum Aufbruch kannman auf die Yacht gelangen, und um die Frühstücksstunde hemmen die Schiffe so wie so ihrenLauf, damit die Yacht die spät erwachten Passagiere des Dampfers aufnehmen kann. Dabeihaben wir täglich Gelegenheit, das Ungeschick der ägyptischen Matrosen zu beobachten, wennes zum Anfahren an die Landungstreppe kommt. Bald wird das Boot weit seitwärts getrieben,bald schiesst es zu weit vor, bald wieder stösst es mit der Spitze an'die Schiffswand, statt mitder Längsseite anzulegen.
Eine ähnliche Unbeholfenheit gegenüber ganz gewöhnlichen Reisehindernissen und Fährlich-keiten tritt auch dann zu Tage, wenn wir auf eine Sandbank stossen. Der „Feiz Rabbani“ glücktes beständig, die seichten Stellen zu passiren, aber der tiefer gehende „Hehia“ fährt mehreremale auf. Einmal rannte er, was nicht zum Spassen war, so tief in den Sand hinein, dass nichtwenig Zeit darauf ging, ihn wieder flott zu machen. Dabei fehlte es der kleinen Schiffsmann-schaft offenbar an jener Findigkeit, die sonst dem gemeinen Manne stets und überall eigen ist.Die Leute zogen sich aus, sprangen ins Wasser, stemmten sich mit den Schultern gegen dasSchiff und stiessen ein langgezogenes „A—ia— Mhämmed“ aus, worauf sie schliesslich zur Ein-sicht kamen, dass sie vor jener anstrengenden Arbeit hätten Zusehen müssen, in welcher Richtungdie Sandbank eigentlich verlief, und dass nunmehr die ganze Mühe nicht nur unnütz, sonderngeradezu hindernd gewesen war.
Gegen Abend erblickten wir die grauen Lehmgebäude der Stadt Girgeh; diesen Namen führtsie zu Ehren des heiligen Georg des Siegreichen, welchen die einheimische christliche Bevölkerungverehrt. In der Anschauung des Volkes hat der heilige Georg zum Theil die Rolle des ehemaligenKämpfers gegen das Böse, des unermüdlichen Horus, übernommen.
Den koptischen Städtern wird es nicht unbekannt geblieben sein, dass auf der Yacht desKhedive sich Grossfürsten befanden, die unter der Georgsflagge ihrer Fregatte eine Orientreiseunternahmen; sie werden gewusst haben, dass zwei George das Land besuchten, welches diesenNamen hoch in Ehren hält und die Thaten des grossen Glaubenshelden verherrlicht. Und sokamen sie in feierlicher Procession, ihre Kirchenfahnen voraus, zur Landungsstelle, um Ihre Hoheitenwürdig zu empfangen. Die schwarze Tracht der Kopten steht in eigenthümlichem Einklänge mitder Schlichtheit des ruhigen und doch herzlichen Willkomms. Auf dem am Ufer errichtetenTriumphbogen ragt ein Kreuz empor. Melodischer Kirchengesang verklingt in der Abendluft.
Heute ist der Sonnenuntergang noch prächtiger. Die Sonnenscheibe strahlt beim Scheidenaus dem Wasser als ein feuriger Streifen wider, der aber an dem einen Ende im Reflexe des Ufer-grüns einen hellsmaragdgrünen Ton annimmt. Der Nil biegt hier in einer so starken Krümmungaus, dass er an eine Bucht erinnert. Das Tagesgestirn hinterlässt am Himmelsgewölbe zuerst eingoldiges Abendlicht, darauf spielt dieses in Orange, dann in Grün hinüber und schliesslich löstsich alles in ein unergründlich tiefes reines Azur auf.
Freitag, 5. December.
Wir befinden uns noch immer in Ober-Aegypten. Erst jetzt, da wir das Land zumzweiten male aufmerksam betrachten, gewinnen wir eine klarere Vorstellung von dem Reichthum,welchen die Natur dem Boden in Fülle gespendet hat. Hier spricht aus allem der Trieb des