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Orientreise ... Nikolaus Alexandrowitsch von Russland 1890-1891 / verfasst von ... E. Uchtomskij
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314
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ELLORA .

An den Wänden des Kailasa tauchen auf Schritt und Tritt neue Gebilde, neue in Steinverkörperte Ideen auf: hier sucht eine Gottheit in Ebergestalt mit ihren Hauern das Festland überden Spiegel der allumströmenden, zu Anfang aller Dinge geschaffenen Urgewässer emporzuheben.Garuda, der Vertilger alles Gewürms, halb Mensch, halb Vogel, schleppt auf seinem mächtigenRücken den ihm an Kraft ebenbürtigen Vischnu. Wieder an einer andern Stelle ist dieser ab-gebildet, wie er als Narasinha (Mannlöwe) einen Löwenkopf trägt und den auf seinen Knienliegenden greulichen Körper eines Halbgottes, des Hiranyakaschipu, der durch übermässige Machtund Herrschsucht die Götter erschreckt und erzürnt hatte, mit seinen zarten, geschmeidebedecktenHänden ingrimmig zerfleischt. Wie soll man sich dieses Gemisch von Naivetät, Tiefsinn undRohheit erklären?

Dem Volksglauben nach hat Siva einst seine göttliche Gemahlin und seine Söhne, denGott der Weisheit und des Reichthums, Ganescha, und den Kriegsgott Kartikeya , von Almosenernährt, die er in Gestalt eines Fakirs zusammenbettelte. Nachdem er dann aber übermässig derTrunksucht gefröhnt, vernachlässigte er seine Familienpflichten derart, dass seine Gemahlin Parvati aus Hunger gezwungen war, eine Ratte und einen Pfau zu verzehren zwei treue Thiere, aufdenen die Wunderkinder des grimmen Gottes zu reiten pflegten. Die fernere Nahrung verschafftesich die Göttin durch Zaubereien, indem sie die Almosen verschwinden liess, sobald sie in dieSammelschale ihres Mannes gefallen waren. Matt und hungrig machte sich endlich Siva auf denHeimweg und, o Wunder, er wurde von seiner fürsorglichen Gemahlin gesättigt, worauf dieselbeden Namen Annapurna erhielt. In wilder Freude drückte er sie an seine Brust, und zwar mitsolcher Gewalt, dass sie beide zu einem Zwitterwesen Zusammenflüssen (Ardanarischwara), dessenBild wir auf der Insel Elephanta gesehen haben und das wir auch hier erblicken. Es schwindelteinem fast vor der Ueberfülle räthselhafter mythologischer Gestalten.

Einzelne Genrebilder aus der indischen Heroenzeit sind hier und da auf der äussernTempelwand dargestellt worden, so z. B. ist eine Schar ausgemeisselt, die zum Kampfe vorgeht:einige Krieger sitzen auf Elefanten, andere stehen auf Streitwagen. Eine wahre in Stein gehaueneSeite des Mahabharata ! Kaum hat sich dies charakteristische Bild eines alten Kriegszuges demGedächtniss eingeprägt, so stehen wir vor der knienden Figur des fanatischen zehnköpfigen Rawana,des Fürsten von Ceylon, der sich freiwillig einen seiner Köpfe abzuschlagen im Begriffe steht, umihn ehrfurchtsvoll dem blutdürstigen Siva zum Opfer darzubringen.

Die in die Wände des Kailasa gemeisselten Göttergestalten sind unglaublich eigenartig.So wachsen z. B. dem Sonnengotte Lotosblumen aus den Händen; in den Ohren hängen ihmRinge. Andere Götter tragen Diademe, hohe Tiaren und Armspangen. Die Arabesken austropischen Gewächsen, die sich oberhalb einiger Gruppen durcheinanderschlingen, sind von staunens-werter Feinheit.

Die niedere Decke des riesenhaften Tempels soll einst mit farbigen Mustern verziert ge-wesen sein, die aber verschwunden seien infolge eines von Aurangseb erteilten Befehls, in demihm verhassten Tempel Feuer anzulegen. Dies kann aber ebenso gut nur eine tendenziöseVolkssage sein und die Erklärung jener Thatsache ganz einfach in der Nachlässigkeit der spätemheidnischen Wallfahrer selbst liegen. Diese pflegen nämlich hier öfters eine geraume Zeit vorden inbrünstig verehrten Idolen zu verweilen und nachts Strohbündel anzubrennen, theils um sichauf dem feuchtkalten Gestein zu wärmen, theils auch um durch den Rauch die Insekten fernzuhaltenund die Raubtiere zu verscheuchen.

Wider Willen müssen wir uns von dem grandiosen Denkmal entschwundener Zeiten los-reissen, von dem Riesenkunstwerk einer Epoche, in welcher sich überquellende Schöpferkraft mitdem heissen Herzensdrang eines noch von Einfalt getragenen Volksglaubens zu einer über-