Buch 
Orientreise ... Nikolaus Alexandrowitsch von Russland 1890-1891 / verfasst von ... E. Uchtomskij
Entstehung
Seite
28
JPEG-Download
 

28

KALKUTTA .

darauf ankommt, so sind ihnen die Europäer lieber als die Hindus. Für die Regierung inKalkutta ist es daher ein Gebot der Nothwendigkeit, stets einen passenden Ausweg aus dieserschwierigen Lage zu suchen und ihre Zuflucht zu einer Art captatio benevolentiae zu nehmen, d. h.es entsteht für sie die Frage: soll sie die Millionen Muhammedaner mehr als die Andersgläubigenhätscheln oder ausnahmsweise den stets kochenden Hass der brahmanischen Welt gegen die ruch-losenKuhmörder ausnutzen? Man mag die Vortheile, die aus der Einhaltung dieser oder jenerRichtung fliessen mögen, so oder so schätzen, jedenfalls ist die Entscheidung nicht leicht. Indem blutigen Aufstand von 1857 verbanden sich an manchen Orten die sich sonst in Religions-angelegenheiten befeindenden Eingeborenen eidlich zu einer einzigen rachedürstenden Masse.

Nach dem Galadiner Soiree im Government House mit zweitausend Geladenen.

Dem Grossfürsten -Thronfolger stellt sich die ganze endlose Reihe der vornehmsten Ein-geborenen vor. Unter ihnen zeichnet sich durch seinen ehrwürdigen Namen ein gewisser RadschaTagor aus. Aus dieser Familie hat sich schon mancher durch humanitäre Bestrebungen unddurch sein Mäcenatenthum allgemeine Hochachtung erworben.

Besonders pflegen die Tagors die Musik; diese erfreut sich in Indien seit alter Zeit einersehr günstigen Stellung und Hochschätzung. Unser Wortgamma soll, wie manche Forschererklären, aus dem Sanskritgräma stammen und bedeutetTonleiter, jedoch auch, was in derThat merkwürdig und charakteristisch ist, eineDorfgemeinde, d. h. ein harmonisches Ganzes.Jeder indischen Melodie, jedem Liede wohnt dem Volksglauben nach ein eigener, geheimniss-voller, sozusagen fast magischer Einfluss auf die äussere Welt inne, weil die Welt der Töne mitder wahren Natur der Dinge in einem innigen Bunde zusammenzuhängen scheint. Das Notensystem(um hier diese Bemerkung einzufügen) ist den Indern schon seit mindestens einigen Jahrhundertenvor Christus bekannt und von den Brahmanen wahrscheinlich nach Iran und von da durch Ver-mittelung der Araber nach Europa übertragen worden, wo erst im 11. Jahrhundert der italienischeMönch Aretino (Guido di Arezzo ) die Tonleiter aufstellte.

Einer der Fürsten Tagor, der sich schon seit langem als feiner Kunstkenner der einhei-mischen Musik widmet, sammelt Instrumente, durch die das Land schon seit den Zeiten der Epenberühmt ist; er gibt auch manche Tonstücke heraus und bemüht sich überhaupt auf jede möglicheArt, die Europäer für die indische Musik zu interessiren.

In der That, die indischenVinas, die thatsächlich mit den russischen Balalaikas überein-stimmen, die den assyrischen ähnlichen Harfen, die Vorbilder unserer abendländischen Geigen,Guitarren und Tamburine, die Ornamentirung von altägyptischem Typus auf den Gegenständendes Reiches der Terpsichore in Indien , die mystische Rolle der Muscheln, die als Schlacht-hörner dienten und hauptsächlich im Cultus Anwendung finden, alles das ist im höchsten Gradebeachtenswerth und verdient von seiten Europas mehr Interesse und eingehendes Studium.

Ein Meer von Lichtglanz strahlt von den Spiegeln wieder. Schwere Vergoldung anMöbeln und Wänden. Gelbgemusterte Seidendivane im Salon. Unter der Menge der An-wesenden nimmt Wali Achmed, der Gesandte aus Kabul , durch seine stolze Haltung viele Blickegefangen. Daneben lenken die einheimischen Offiziere verschiedener Regimenter durch ihre Uni-formen unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Unter den bei der viceköniglichen Soiree Anwesenden soll sich auch der durch seinenAufenthalt in Afrika bekannte deutsche Reisende Otto Ehlers befinden. Dieser Tourist begiebt