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Orientreise ... Nikolaus Alexandrowitsch von Russland 1890-1891 / verfasst von ... E. Uchtomskij
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IM REICHE DER ELEFANTEN.

Der Werth der Stosszähne hängt nicht etwa von ihrem Glanze und ihrer Grösse ab,sondern von der innern Consistenz, d. h. davon, dass das zarte Weiss derselben unter sorgfältigerPflege immer weisser wird. In dieser Beziehung scheinen die guten Eigenschaften der afrika-nischen Ausbeute diejenigen der asiatischen zu übertreffen.

Die Eingeborenen Indochinas haben gegen die Elefanten niemals einen schonungslosenVernichtungskrieg geführt. Diese Thiere erscheinen vielmehr dem Indochinesen von jeher alsetwas Verehrungswürdiges. Die Buddhisten kennen überhaupt keine rücksichtslosen Raubinstinctegegenüber dem, was auf demselben Boden mit ihnen in allen möglichen Stufenformen desDaseins lebt und webt. Für die südostasiatischen Völker bildeten die Riesenthiere jederzeit dieleibhaftigen Symbole der Macht ihrer Fürsten, die handgreiflichen Hebel der Regierungsgewalt,der Autorität und des Ruhms. Verbrecher hinzurichten, den Feind zu zermalmen, der Mengeden himmelsgeborenen Herrscher zu offenbaren, hat dem Orientalen seit uralten Zeiten als derBeruf des abgerichteten Elefanten gegolten.

Die mit dem Fang und der Zähmung Betrauten finden unter der in den Pferch getriebenenHeerde nur wenige Exemplare, die sich für den Dienst des Menschen eignen. Deshalb lässt mandie Mehrzahl der Weibchen und ihrer Jungen, aber auch die nach ihrem Aeussern werth-losen Männchen ohne Stosszähne, nach und nach durch einen besondern, sehr engen Auswegins Freie. Sie ergreifen nicht etwa schleunigst die Flucht, sondern steigen vor allem in dennächsten Weiher, um sich zu erfrischen. Währenddessen werden wir zu einem Frühstück aufeine geräumige, an die Zuschauerplätze anstossende Estrade eingeladen. Sogar auf dem Menuparadirt ein Elefant mit dem Führer auf dem Halse.

Auf Einladung des Königs sind aus Bangkok mehrere unserer Offiziere hierher gekommen.Es sind für sie dort im Namen des Hofes grosse Wohnräume im besten Hotel gemiethet wordenund wird allen die weitgehendste Gastfreundschaft erwiesen. Auf Befehl Seiner Majestät erhältdas Geschwader jeden Tag alle Arten Geflügel, alle Gattungen Lebensmittel gratis zugesandt.Derartige Aufmerksamkeiten gegenüber Gesandtschaften und überhaupt gegenüber Ausländern vonStand sind in Siam von jeher Brauch gewesen.

Unter den Klängen einer harmonischen Musik und den jauchzenden Rufen des Volkes,welches das Schauspiel des grandiosen Treibjagens bewundert, sowie unter dem betäubendenGebrüll der von ihrer Heerde losgerissenen Waldriesen findet der Herrscher von Siam seine Freudedaran, im sagenberühmten Ayodhya den russischen Thronfolger und seine Suite, sowie auchdie vielen russischen Seeoffiziere prunkvoll zu bewirthen.

Nach dem Frühstück wird im Gehege und um dasselbe wieder alles äusserst lebendig.Die noch nicht gebundenen Gefangenen hat man endgültig zu beschwichtigen beschlossen, wasdurchaus keine leichte Sache ist. In die staubige Arena, die sich schon beträchtlich entleert hat,reiten zu den Gefangenen auf neun zahmen Elefanten geschickte Jäger mit blauen Jackenund runden weissen Hüten, je zwei auf einem Thier. Der Führer trägt in den Händen eineLanze, der zweite, auf dem Schwänze sitzend, hält sich an den dicken Stricken, die den Leibdes folgsamen Riesen umschnüren. Das Auftreten dieser Leute innerhalb des jeder Erschütterungtrotzenden Geheges hat den Zweck, den blindwüthenden Ungethümen Fesseln anzulegen. DieAnnäherung an diese ist aber höchst gefährlich. Eins der Riesenthiere hat, wie verlautet,soeben mit einem Schlage seines Rüssels einen Lanzenträger zu Fuss, der es von den Pfostenentfernen wollte, beinahe getödtet. Nur mit Mühe konnte man den Unglücklichen noch hinterdie Pfähle schleppen. Denen, die es wagen, den wilden Elefanten festen Selbstvertrauens zunahen, droht, wiewol sie sich auf dem Rücken ihrer wundervoll dressirten Mitgehülfen befinden,beim kleinsten Fehler, bei der geringsten Ausserachtlassung des Gleichgewichts der sichere Tod.