230
Ganz verschieden von dieser Affenart ist der „Nycticebus“ oder „Stenops tardigradus“. Denganzen Tag über sitzt das winzige, zottige, unansehnliche, zum Theil an ein kriechendes Hündchenerinnernde Thier träumerisch da, ein Faulpelz von einem Affen, der sich in der Freiheit vonVogeleiern und Vogelgehirn nährt,, jetzt aber langsam dahinstirbt, da man ihn nur mit Früchtenfüttert. Wenn man das Thier vor Einbruch der Dunkelheit beunruhigt, öffnet es unter kläglichemGewinsel und Angstgeschrei seine trüben Augen, die wie zwei gelbe Knöpfe aussehen, die aufdes Thieres spitze Schnauze aufgenäht sind, und blinzelt damit convulsivisch: das Sonnenlicht ver-ursacht ihm Schmerz und blendet es. Nachts verwandelt sich das Thierchen auf die seltsamsteWeise. Lautlos klettert und schleicht es herum. Die Illusion, es befinde sich daheim im Urwaldunter Baumriesen, an welchen zahlreiche Nester hängen, mildert ihm scheinbar auf einige Stundendes Tages den langsamen Todeskampf.
Die kleinen Elefanten dehnen ihre Wanderungen auf der Fregatte bis zum Verdeck aus.Sie sind gar nicht ungehalten, nicht einmal muthwillig, wie etwa der Elefant, der in Kolombo beim russischen Consul Frisch zurückgelassen wurde, bis einer der nach Odessa fahrenden Dampferder russischen Freiwilligen Flotte anlegen würde.
Bald nachdem unsere Schiffe die Anker gelichtet hatten, wusste das freiheitsliebende Thiernächtlicherweile sehr geschickt den stärksten ihm umgeworfenen Strick aufzudrehen und lief dannin den Garten hinaus, alles vor sich zerbrechend und niederstampfend. Der Hausherr, nur inNachtgewand und Pantoffeln, machte sich sofort auf die Beine, den Ausreisser einzufangen. Alleinder letztere rannte das Gartenthor ein, prellte den Consul zweimal und stürzte sich schnurstracksin das nahe der Stadt gelegene Dschungel. Consul Frisch verlor seine Schuhe, machte sich abertrotzdem mit der Dienerschaft barfuss aufs eifrigste auf die Verfolgung. Der junge Elefant hattesich inzwischen wieder eine menschliche Wohnung zum Opfer auserkoren, an der er seinenMuthwillen ausliess, nahm dann im nächsten Teiche ein erquickendes Bad, schleuderte einen hol-ländischen Kaufherrn, der sich auf der Veranda seiner Villa ausruhte, sammt seinem Sitze auf dieErde, zertrümmerte die Möbel auf dem Balkon und entlief dann auf dem am Meeresuler entlangführenden Wege.
Unser Consul begab sich selbst zu Pferde auf die Fortsetzung der Jagd, begleitet von her-beigerufenen Polizisten. Diese fingen den Elefanten mit Fackeln. Zuerst gab man blinde Schüsseauf den armen Schelm ab, die ihm panischen Schrecken einjagten, dann band man ihn an einenBaum fest. Erst am andern Mittag zwölf Uhr gelang es den Verfolgern, den Flüchtling an Seilennach Hause zu schleppen.
Ueber den Einfang des Thieres enthielt die ceylonesische Presse eine besondere Rubrik„The Cesarewitch’s calf elephant runs amuck“. Unter dem Ausdruck „Amock laufen“ verstehtman bekanntermaassen den rasenden Zustand der Malaien, die urplötzlich zum Messer greifen undin wahnsinniger Wuth ins Blaue hineinstürzen, wobei sie jeden, der ihnen gerade unter dieFinger kommt, niederstechen. Allerdings hat dafür das Volk auch das Recht, einen solchen'Rasenden ohne weiteres unschädlich zu machen.
Es war nicht das erste mal, dass man am Menam erlauchten Ausländern junge Elefantenzum Geschenk machte. König Phra Nara'i schickte in den achtziger Jahren des 17. Jahrhundertszwei junge Riesenthiere den Herzogen von Burgund und Anjou (deux elephants, qualifies d’ele-phants de poche), wiewol das Gewicht eines jeden dem eines halben Dutzend Ochsen gleichkam.
Sonnabend, 28. März.
Das russische Geschwader ist in die französischen Gewässer eingelaufen. Wir befindenuns in der sogenannten „Kokospalmen-Bai“, die die Form eines Hufeisens hat. Durch dieselbe