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die steilen Wände. Ganze Partien gleiten und stürzen,der Basis beraubt, in die Schlucht und stauen vielleichtzeitweilig den Lauf, bis die ganze Masse durch die ge-steigerte Gewalt mit in die Tiefe gerissen wird. Fastlawinenartig wächst der mit gewaltigen Felstrümmernund Baumstämmen untermischte Schlammstrom. Ansehr stark geneigten Stellen stürzen wohl gar diemächtigen Blöcke der Masse voraus, das Beharrungs-vermögen und die Schiebkraft des Wassers helfen ihnenauch über die minder geneigten hinweg. Donnerndbricht der Murgang — wie man in Tirol sagt — ausdem Tobel hervor und breitet sich nun an Kraft undGeschwindigkeit verlierend auf dem Schuttkegel aus.Die mächtigsten und schwersten Stücke bleiben zuerstliegen, das alte Bett des Baches verstopft sich undseitwärts durch die grünen Felder wälzt sich die feradiluvies (Horaz Od. III, 29), einen breiten Streifen derYerwüstung hinter sich lassend, dem Flusse zu, derentweder zornig aufschäumend mit getrübten Wogenweiter eilt, oder gar aufgestaut nach der entgegen-gesetzten Seite durchbricht und den Thalboden ver-wüstet.
Die Zeitdauer zwischen dem Ausbruche des Ge-witters und dem Eintreten des Murbruches ist natürlichnicht jedes Mal dieselbe und abhängig von der Grösseund Dauer der eintretenden Stauungen, der Intensitätder Niederschläge und der Quantität und Qualität desStromes. Je kürzer und steiler das Bett des Wild-baches, um so früher ist im Allgemeinen das Herein-brechen der Katastrophe zu erwarten; sie erfolgt anmanchen Orten vor dem Ablauf einer Stunde, an andernvielleicht erst nach mehreren. Oft entladet sich dasYerderben in einer einzigen mächtigen „Schuttwalze“,meist folgen sich mehrere in kürzeren und längerenIntervallen, oder es ergiesst sich auch nur — wenn keine