§• 17.
ELEKTRISCHE. REIZUNG DES SEHNERVEN.
205
wenigstens nicht allein mit einer Reizung durch Elcktrieitiit zu tliun haben,sondern dass auch noch die Veränderungen der Reizbarkeit durch elektrischeStröme in Betracht kommen. Durch schwache Ströme wird nach Pflüger s 1Versuchen die Reizbarkeit des Nerven an der Strecke gesteigert, wo die positiveElektricitiit hinflicsst, an der Strecke vermindert, wo jene Elcktrieitiit herkommt.Sic würde demnach bei aufsteigendem Strome am Hirnende des Sehnerven ver-mehrt, am Retinalendc vermindert sein, umgekehrt bei absteigendem Strome.Die Verminderung und Vermehrung des Eigenlichts des Auges würde sich da-her nach dem PFLÜGEiUschen Gesetze erklären, wenn wir annehmen, dass dieinneren Reizmittel, welche es hervorbringen, auf das Hirnende des Sehnerveneinwirken. Dann wird der aufsteigende Strom Steigerung, der absteigendeSchwächung des Eigenlichts hervorbringen müssen. Ob die entgegengesetzteBeleuchtung am Sehnerven als Contrast oder als innere Reizung am Umfangeseines Eintritts in die Netzhaut zu deuten sei, bleibt zweifelhaft. Es stimmtferner mit der gegebenen Erklärung überein, dass nach Ritters Bemerkungwährend der Dauer des aufsteigenden Stroms äussere Gegenstände undeutlicher,während des aufsteigenden Stroms deutlicher erscheinen, denn für Reizungender Netzhaut selbst muss der aufsteigende Strom die Empfindlichkeit vermehren.Für lichtschwache Objecte kann ich das Factum bestätigen. Uebrigens passtdarauf auch vollständig Purkinje's Erklärung, welcher annimmt, dass die Ver-minderung der Deutlichkeit des objcctivcn Sehens von der Vermehrung desEigenlichts des Auges herriihre, welches wie ein Nebelschleier wirke; jedenfallsverhindert diese Erhellung und Verdunkelung des Gesichtsfeldes zu erkennen, obman das Licht der einzelnen Objecte stärker oder schwächer empfinde.
Wenn der eonstante Strom zu fliessen aufhört, bleibt nach Pflüger an denunempfindlicher gewordenen Stellen des Nerven vermehrte Empfindlichkeit zurück,w'ovon in unserem Falle die Aufhellung des Gesichtsfeldes Kunde giebt. Anden vorher empfindlicher gewesenen Stellen des Nerven folgt dagegen zuerstein kurzes Stadium (bis 10 Sccunden) verminderter Empfindlichkeit, dem dannwieder schwach gesteigerte Empfindlichkeit folgt. Dem ersteren entspricht inunserem Falle die Verdunkelung des Gesichtsfeldes nach Oeflhung des aufstei-genden Stroms; das letztere giebt sich nur dadurch zu erkennen, dass die Ver-dunkelung bald in den normalen Zustand überzugehen scheint.
Bei stärkeren Strömen von 100 bis 200 Zink-Kupferplatten hat Rittereine Umkehr der Färbung gesehen, während die Vermehrung oder Verminderungder Helligkeit dieselbe blieb, wie bei schwachen Strömen. Starke aufsteigendeStröme erregten ihm also die Empfindung von lichtstarkem Grün, noch stärkerevon lichtstarkem Roth, starke absteigende von lichtschwachcin Blau . Nach derUnterbrechung des Stroms sah er im ersten Falle zuerst Blau, was schnell in daszurückbleibende Roth der schwachen Ströme umschlug. Nach der Unterbrechung desstarken absteigenden Stroms sah er dagegen im ersten Augenblicke Roth, was schnellin das gewöhnliche Blau umschlug. Ich selbst fand, dass bei stärkeren Strömen 2
1 Untersuchungen über die Physiologie des Elektrolonus. Berlin 1859. Siche darüber unten §. 25.
2 Der Strom von 2i DAMEu/schen Elementen wurde durch breite, mit nasser Pappe belegte Metallplattenin Stirn und Nacken eingeleitet. Da der Widerstand in diesem Kreise sehr viel geringer war als bei Ritter's