§• 2 <>-
DIE WAHRNEHMUNGEN I.M ALLGEMEINEN.
427
Dritter Abschnitt.
Die Lehre von den Gesiclifswalirnelininngen.
§. 26. Von den Wahrnehmungen im Allgemeinen.
Wir benutzen die Empfindungen, welche Licht in unserem Sehnervenapparateerregt, um uns aus ihnen Vorstellungen über die Existenz, die Form und dieLage äusserer Objecte zu bilden. Dergleichen Vorstellungen nennen wir Ge-sichtswahrnehmungen. Wir haben in diesem dritten Abschnitte der physio-logischen Optik auseinanderzusetzen, was sieh bisher über die Bedingungen,unter denen Gesiehtswahrnehnningen zu Stande kommen, auf naturwissenschaft-lichem Wege ermitteln Hess.
Da Wahrnehmungen äusserer Objecte also zu den Vorstellungen gehören,und Vorstellungen immer Acte unserer psychischen Thätigkeit sind, sokönnen auch die Wahrnehmungen immer nur vermöge psychischer Thätigkeitzu Stande kommen, und es gehört deshalb die Lehre von den Wahrnehmungenschon eigentlich dem Gebiete der Psychologie an, namentlich insofern hierbeidie Art der darauf bezüglichen Seelenthätigkeitcn zu untersuchen ist, und derenGesetze festzustellen sind. Doch bleibt der physikalisch-physiologischen Unter-suchung auch hier ein weites Feld der Arbeit, insofern nämlich festgestelltwerden muss, und auf naturwissenschaftlichem Wege auch festgestellt werdenkann, welche besonderen Eigenthiimlichkeiten der physikalischen Erregungsmittelund der physiologischen Erregung Veranlassung geben zur Ausbildung dieseroder jener besonderen Vorstellung über die Art der walirgenonnnenen äusserenObjecte. Wir werden also in dem vorliegenden Abschnitte zu untersuchenhaben, an welche besonderen Eigenthümlichkeiten der Netzhautbilder, derMuskelgefühle u. s. w. sich die Wahrnehmung einer bestimmten Lage des ge-sehenen Objects in Bezug auf Richtung und Entfernung ankniipft, von welchenBesonderheiten der Bilder die Wahrnehmung einer nach drei Richtungen aus-gedehnten körperlichen Form des Objects abbängt, unter welchen Umständen esmit beiden Augen gesehen einfach oder doppelt erscheint u. s. w. Unser Zweckist also wesentlich nur das Empfindungsmaterial, welches zur Bildung von Vor-stellungen Veranlassung giebt, in denjenigen Beziehungen zu untersuchen, welchefür die daraus hergeleiteten Wahrnehmungen wichtig sind. Dieses Geschäftkann ganz nach naturwissenschaftlichen Methoden ausgeführt werden. Wirwerden dabei nicht vermeiden können von psychischen Thätigkeiten und denGesetzen derselben, so weit sie bei der sinnlichen Wahrnehmung in Betrachtkommen, zu sprechen, aber wir werden die Ermittelung und Beschreibung dieserpsychischen Thätigkeiten nicht als einen wesentlichen Theil unserer vorliegendenArbeit betrachten, weil wir dabei den Boden sicherer Thatsachen und einerauf allgemein anerkannte und klare Principien gegründeten Methode kaum würdenfesthalten können. So glaube ich wenigstens vorläufig, das Bereich des psycho-logischen Theils der Physiologie der Sinne gegen die reine Psychologie abgrenzenzu müssen, deren wesentliche Aufgabe es ist, die Gesetze und Natur der Seclen-thätigkeiten, so weit dies möglich ist. festzustellen.