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9 (1867) Handbuch der physiologischen Optik / H. Helmholtz
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ZWEITER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSEMPFINDUNGEN.

§. 47.

zunächst im Allgemeinen die Lehre von der Reizbarkeit der Nerven festgestellt; dem ent-sprechend beschreibt dieser auch ganz richtig und klar das Verhältniss des Lichtes zurEmpfindung, dieser zur Wahrnehmung L Aber cs fehlte noch die genauere Kenntniss derdurch andere Reizmittel entstehenden Erregungen des Auges, oder wenigstens, was man da-von kannte, war vereinzelt, und wurde deshalb nur als Curiosum betrachtet. Das Verdienst,die Aufmerksamkeit der deutschen Naturforscher auf die Wichtigkeit dieser Kenntniss hinge-leitet zu haben, gebührt Goethe in seiner Farbenlehre, wenn ihm auch der Hauptzweck diesesBuches, eine Reform der physikalischen Lichtlehre, die sich der unmittelbaren sinnlichen An-schauung besser anschlösse, zu erzwingen, fehlschlug. Darauf folgen nun die reichen Beob-achtungen über Erregungen der Empfmdungsnerven von Ritter und den andern Galvanikern,namentlich aber die Beobachtungen von Purkinje, so dass im Jahre 4 826 J. Mueler dieHauptsätze dieses Gebiets hinstellen konnte in seiner Lehre von den specifischen Sinnesenergien,wie er sie in seinem Werke über die vergleichende Physiologie des Gesichtsinnszuerst vortrug, und wie sie im Anfänge dieses Paragraphen dargestellt ist. Dies Werk unddas von Purkinje stehen in ausgesprochener Beziehung zu Goetiies Farbenlehre, wenn auch.1. Müller deren physikalische Sätze später aufgegeben hat. Das MÜLLERsche Gesetz vonden specifischcn Energien war ein Fortschritt von der ausscrordentlichsten Wichtigkeit fürdie ganze Lehre von den Sinneswahrnchmungen, ist seitdem das wissenschaftliche Fundamentdieser Lehre geworden, und ist in gewissem Sinne die empirische Ausführung der theoretischenDarstellung Kants von der Natur des menschlichen Erkenntnissvermögens.

Die Druckbilder kannte schon Aristoteles , Newton 2 giebt die hypothetische Erklärung,dass die mechanische Erschütterung der Netzhaut eine ähnliche Bewegung in ihr errege, wie dieauf diese Haut stossenden Lichtstrahlen. Diese Bewegung der Netzhaut betrachtet er als Ursacheder Lichtempfindung. Die Meinung, dass hei den Druckbildern sowohl, als auch bei anderenGelegenheiten im Auge sich objectives Licht entwickele, hat übrigens bis in neuere Zeit ihreAnhänger gehabt, wovon der oben erwähnte gerichtsärztliche Fall ein Beispiel giebt, inwelchem der begutachtende Medicinalrath Seiler die Möglichkeit eines solchen Ereignissesglaubte zulassen zu müssen. Es hat aber niemals ein zweiter Beobachter objectiv das soentwickelte Licht wahrnehmen können. Um diese Meinung wahrscheinlich zu machen, stützteman sich theils auf Fälle von Menschen, die in der Dunkelheit, d. h. bei sehr wenig Licht,hatten sehen können, W'ie Kaiser Tiberiüs, Cardanus , Kaspar Hauser , theils auf das soge-nannte Leuchten der Thieraugen, der albinotischen oder sonst krankhaft verbildeten Menschen-augen, welches nur auf Reflexion des Lichts beruht, theils auf stark entwickelte Nachbilder,die des Abends nach verlöschtem Licht bei älteren Männern zuweilen lange zurückzubleibenscheinen; sie sollten die Möglichkeit der Lichtentwickelung im Auge beweisen. Genauere.Beschreibungen der Druckbilder sind in neuerer Zeit von Purkinje , Serres dUzes gegebenworden. Der Gebrauch, den Thomas Young in der Accommodationslchre davon machte, istoben S. 417 erwähnt.

Den OelFnungs- und Sclilicssungshlitz bii elektrischer Durchströmung beobachtete schonVolta; Ritter nahm selbst mit der einfachen Kette die dauernden Lichtwirkunge.n wahr,später gab namentlich Purkinje eine ausführliche Beschreibung.

Mechanische Reizung.

1706. J. Newton. Optice , am Schluss Quaestio XVI.

1774. Eichel in Collectan. soc. med. Havniensis 1774.

1797. A. v. Humboldt . Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser. II. 414.1801. Tii. Young on the mechanism of the eye. Phil. Transact. 1801. I. 23.

1819u..* Purkinje. Beobachtungen und Versuche zur Physiologie der Sinne. I. 78, 126.4 36, II. 415.

4 825. Magendie. Journal de Physiologie. IV. 180. V. 189.

1826. J. Müller über die phantastischen Gesichtserscheinuiigen. Cobienz. S. 30.

1 Eiern. Pliysiolog. Tom. V. üb. 16 u. 17.

2 Optice , am Schluss Quaestio XVI.