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Untersuchungen über die physicalische Geographie der Alpen : in ihren Beziehungen zu den Phaenomenen der Gletscher, zur Geologie, Meteorologie und Pflanzengeographie / von Hermann Schlagintweit und Adolph Schlagintweit
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BETRACHTUNG OER WICHTIGSTEN VEGETATIONSABSTUFUNÜEn.' 515

Temperatur und besonders der grösseren Sommerwärme auch die sanft ansteigenden, nochin grossen Höhen culturfähigen Thalsohlen und ihre Umgebungen den Anbau der Cerea-lien so sehr begünstigen, im Gegensätze zu der grösseren Neigung, welche die Thäler undAbhänge niederer Gebirgszüge'in gleicher Höhe zeigen. Die Wirkung der südlichen undsüdwestlichen Exposition tritt besonders bei den äussersten Cerealiengrenzen sehr deut-lich hervor.

Man findet nicht überall dieselben Getreidearten an der Grenze des Ackerbaues.Es hängt dieses theilweise von den Bedürfnissen der Bewohner und von der Gewohnheitab. Jedoch sind auch durch die climatischen Verhältnisse, besonders durch die Ver-theilung der Temperatur und der Feuchtigkeit einige Unterschiede bedingt. Im allge-meinen sind Gerste und Hafer die ausdauerndsten Cerealien in den Alpen; nur zuweilenerreicht der Winterroggen dieselben Höhen, während der Weizen stets früher zuriick-bleibt.

Die mittlere Grenze der menschlichen Wohnungen fällt, wie zu er-warten, im allgemeinen mit jener der Cerealien zusammen. Kleine Dörfer und vereinzelteGruppen von Bauernhöfen reichen jedoch, besonders in regelmässig gebildeten Thälornetwas höher. 6000 Fuss ist für dieselben in 'den Centralalpen eine sehr selten erreichteGrenze. Zugleich gedeihen dort noch sehr kärglich Kartoffeln, Rüben, Itettige undKohl. In den südlichen Alpen liegen einige kleine Dörfer selbst noch zwischen 6200 und6300 Fuss. An Pässen, wie am St. Bernhard, Stilfserjoch u. s. w., und an einigen weni-gen Bergwerken befinden sich jedoch einzelne Stationshäuser noch in weit grösserenIlölien.

Die untere Grenze der Alpenwirthschaft ist ziemlich schwankend. Je höher diebewohnten Orte reichen, desto später beginnen im allgemeinen auch die Sennhütten.Bei der oberen Grenze der Alpenwirthschaft lässt sich unterscheiden zwischen jenen Hö-hen, in welchen noch zahlreiche Kühe geweidet werden, und zwischen den äusserstenAlpen, welche man nur für Schafzucht benützt. Die Grenze der ersteren, nämlich derMilchwirthschaft, wird theils durch den Mangel an Brennholz zur Käsebereitung, theilsdurch die Steilheit des Gebirges bedingt, welche das Beweiden durch grössere Thierehindert.

Bei der Coniferengrenze machen sich die Differenzen sowohl zwischen dengrösseren Alpengruppen-.als zwischen einzelnen Thälern und Abhängen sehr deutlich bemerk-bar. Die Bäume stehen im allgemeinen ziemlich tief an niederen freien Bergen oder Pass-einsenkungen ; diese sind dem Einflüsse der Stürme sehr blossgestellt und zeigen schonin geringen Höhen in -der Nähe der Gipfel eine bedeutende Neigung, welche der Baum-vegetation, besonders dem Auftreten grösserer Massen hinderlich ist. Es lässt sich dieseErscheinung sowohl an dem Süd - als Nordrande der Alpen deutlich erkennen.

Sehr enge Schluchten zeigen abweichende Verhältnisse von den Thälern im all-gemeinen , da in denselben wegen Mangels an Besonnung eine sehr verschiedene Tem-peratur herrscht und oft in geringer Höhe sich schon locale Ansammlungen von Schnee

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