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CAP. XIX. DIE PERIODISCHEN ERSCHEINUNGEN DER VEGETATION.
Die Differenz beträgt für 1000 Fuss im Mittel 29 Tage; es scheint dabei in dentieferen Theilen die Verzögerung langsamer zu sein, als in den höheren. Ober derSchneelinie und besonders an der äussersten Phanerogamengrenze (Uber 10000') wirddie Vegetationszeit noch weit mehr abgekürzt; sie dürfte an den wenigen besonntenStellen, welche hier noch den Pflanzen zugänglich sind, im Mittel nicht viel über einenMonat betragen, und beschränkt sich grossentheils auf den August. Auch wäh-rend dieser kurzen Periode treten nicht selten bedeutende Temperaturschwankungenund Depressionen ein, gegen welche bis auf'einen gewissen Grad die letzten Pha-nerogamen weniger empfindlich zu sein scheinen. Dieselben fahren fort zu blühenund sich zu entwickeln, wenn auch die Temperatur des Nachts ziemlich tief, selbst unter0 Grad herabgesunken ist und der Reif das umgebende- Gestein und die Blätter und Blü-then der Pflanzen bedeckt. Nach sehr schneereichen Wintern und bei kühlen Sommerngeschieht es zuweilen, dass die letzten Phanerogamen gänzlich von Schnee bedeckt blei-ben; bei den höchsten Flechten ist dieses sogar, wenn sie sich nicht an sehr steilen Wän-den befinden, ziemlich häufig der Fall; sie können sich längere Zeit unter dem Schneeerhalten, ohne dabei ihre Lebensfähigkeit zu verlieren 1 ).
Durch die grosse Ausdehnung jener Periode, während welcher mit dem Boden diewinterliche Schneedecke liegt, verändert sich in grossen Höhen das Verhältniss dereinzelnen Jahreszeiten. Der Winter nimmt bei weitem den grössten Theil des Jahresein, nächst ihm ist der Sommer am ausgesprochensten; der Frühling wird weit kürzer,noch mehr ist dieses beim Herbste der Fall, welcher durch die frühen Schneefälle unge-mein rasch verdrängt wird.
Bei den einzelnen Pflanzen zeigt die Zeit, welche zwischen den Vege-tationsepochen, z. B. der Blüthenbildung und der Fruchtreife verstreicht, mit derHöhe manche Verschiedenheiten. Sie wird im allgemeinen 2 ) nach oben etwasgrösser, weil hier die geringere Wärme längere Zeit wirken muss, um die Früchtezur Reife zu bringen. Als specielle Beispiele können wir die Kirsche, den Winterroggenund die Gerste anführen, bei welchen die Mittel aus einer grösseren Zahl von Beobachtun-gen abgeleitet sind.
1) Zerstörender als Schnee wirkt auf die Vegetation die frühere Bedeckung durch Gletschereis;wenn bei den Oscillationen der Gletscher, nämlich den Schwankungen in ihrer Längen - und Breiten-ausdehnung, Stellen an ihrem unteren Ende oder an ihren Rändern frei werden, so bleiben dieseoft noch längere Zeit von Vegetation entblösst, obgleich diese Plätze gewöhnlich weit unter derSchneegrenze liegen. Es ist dabei die Bewegung des Gletschers über dieser Stelle gewiss nichtohne Einfluss, da dadurch die Pflanzenkeimc und Wurzeln aus früherer Zeit zerstört werden. Auchkönnen sich an den geglätteten Felsen oder auf den zurückgebliebenen Gesteintrümmern neue Pflan-zen und selbst Moose nur schwierig wieder ansiedeln.
2) Es dürften vielleicht einige Ausnahmen stattfinden, bei welchen sich die Zeit zwischen Blütheund Frucht nicht merklich verlängert; bis jetzt konnten diese Fälle noch nicht mit Sicherheit festge-stellt werden. Zu ähnlichen Vergleichen sind vorzüglich solche Pflanzen geeignet, welche sich bis inbedeutende Höhen erstrecken.