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geneigten Theilen eines Abhanges schmilzt der Schnee im Frühlinge etwas rascher als anden ebeneren Stellen, und das Erwachen der Vegetation erfolgt daher früher, obgleich dieseTheile der Bildung einer zusammenhängenden dichten Grasdecke, noch mehr der Ansie-delung von Bäumen ungünstig sind. Ebenso eilen trockene, selbst steinige Stellen, welchesich durch Insolation rasch erwärmen, in dem Erwachen der Vegetation und in dem Be-ginne der Blüthenbildung feuchteren und humusreichen Puncten gleicher Expositionnicht selten etwas voran, während später die Pflanzen auf den ersteren sehr verkümmern.Auch kann ein frühes Erwachen der Vegetation und eine rasche Bildung neuer Triebe undBlüthen bei dem Eintritte von häufigen Nachtfrösten den Pflanzen schädlich w'erden, wäh-rend sie an Stellen, wo durch etwas geringere Besonnung, durch die Bodenbeschaffenheitoder durch andere Umstände diese Epochen später eintreten, weit besser und in grössererMenge gedeihen *).
Bei Betrachtung der Feuchtigkeitsverhältnisse ist die Vertheilung des Regens hervor-zuheben, da derselbe im Sommer die Temperatur weit mehr deprimirt, als in anderenJahreszeiten, und dabei oft eine gewisse Entwickelungsslufe bedeutend stört. GrosseTrockenheit, welche bisweilen so hindernd wie Kälte der Vegetationsentwickelung entge-gen tritt, ist in den Alpen ziemlich selten, da die absolute Regenmenge so gross ist, dassauch eine bedeutende Verminderung derselben noch weniger schadet; weit häufiger beein-trächtigen feuchte Sommer durch ihre Kälte das Reifen der Früchte.
Unter den localen Einflüssen dürfte hier noch die Bodengestalt erwähnt werden.In sehr engen Thälern und Schluchten wird die Dauer der Besonnung im allgemeinen sehrverkürzt, in seltenen* Fällen fast aufgehoben. Am meisten tritt diese Verminderung imWinter ein, theilweise jedoch auch noch im Frühlinge und Herbste. Bei den hohen, steilenBergen, welche sich oft zur Seite solcher Thäler erheben, können manche Puncte währenddes Winters mehrere Wochen der directen Besonnung gänzlich entbehren, während sie insehr vielen anderen auf wenige Stunden beschränkt wird. Jedoch selbst im Sommer währtdieselbe in den meisten Alpenthälern, ausgenommen in den weiten Becken, einige Stundenkürzer als in den Ebenen 1 2 ). Manche Epochen der Vegetation, z. B. die Fruchtreife, werdenin beschatteten Thälern ungemein verzögert. Auch auf den nördlichen Expositionen lässtsich dieses im Gegensätze zu den südlichen Abhängen deutlich erkennen.
Bedeutende zufällige Differenzen können sich bei der Vergleichung einzelner Er-scheinungen und Jahre in Folge individueller Unregelmässigkeiten mancher Pflanzen erge-ben. Das Alter oder die künstliche Verpflanzung derselben .bringen grosse Unterschiedehervor; einzelne Individuen sind rascher als andere, ohne dass ein äusserer Grund sich
1) Wir werden später Gelegenheit haben, einige Beispiele für diese Verhältnisse bei der Kirscheanzuführen.
2) Auch in der täglichen Temperaturcurve macht sich der Einfluss der Beschaltung oft bemerkbar,vgl. Seite 364.