Buch 
Untersuchungen über die physicalische Geographie der Alpen : in ihren Beziehungen zu den Phaenomenen der Gletscher, zur Geologie, Meteorologie und Pflanzengeographie / von Hermann Schlagintweit und Adolph Schlagintweit
Entstehung
Seite
543
JPEG-Download
 

p«M Maesa&ma

aaya a

EINFLUSS CLIMATISCIIER VERHÄLTNISSE. 345

Die Temperatur des Bodens bringt sehr mannigfache Veränderungen sowohl in derQuantität als in der Vertheilung der Wärme hervor, welche eine Pflanze erhält. Da diePflanzen der hohen Alpentheile grossentheils perennirende Gewächse sind, und ihre Wur-zeln häufig im Verhältnisse zu den grünen Theilen einen sehr bedeutenden Umfang ha-ben , so wird dadurch ihr Zusammenhang mit der Temperatur der Bodenschichten nochvermehrt. Die Temperatur derselben ist in den obersten Lagen durch Strahlungwährend der Nacht und durch Insolation bei Tage grösseren Schwankungen ausgesetztals jene der Luft, und es ist dabei die Farbe, die Auflockerung der Oberfläche u. s. w. vongrossem Einflüsse. Aber bei einiger Tiefe wird die Bodentemperatur weit wenigerextrem und es fallen zugleich die Minima der Kälte und die Maxima der Wärmespäter als in der Atmosphäre; die Grösse und Schnelligkeit dieser Veränderungen wirdvorzüglich durch die Leitungsfähigkeit des Bodens für Wärme bedingt 1 ). Die Pflanzen mitetwas tiefen, besonders mit Pfahlwurzeln, haben daher in den unterirdischen Theilen imSommer kältere, im Winter wärmere Temperaturen als die freie Atmosphäre. Es ist dabeifür grössere Gewächse, bei denen die Wurzeln kleiner sind als die grünen Tlieile, diegesammte Wärme, welche sie empfangen, bedeutender als die Schattenwärme im Jah-resmittel. Für kleinere Pflanzen mit oberflächlich gelegenen Wurzeln erscheint dieses Yer-hältniss noch günstiger. Sie werden im Winter ganz mit Schnee bedeckt, und durch dieschlechte Wärmeleitung desselben dem erkältenden Einflüsse der Strahlung 2 ) entzogen;im Sommer sind ihre Wurzeln nur wenig kälter als die Lufttemperatur; ja sie nehmenbisweilen in ihrer ganzen Ausdehnung sogar noch Theil an der lebhaften Erwärmung deroberen Bodenschicht in Folge der Insolation 3 ).

Durch diese Verhältnisse werden die periodischen Erscheinungen nicht weniger alsdie Pflanzengrenzen vielfach verändert.

Wir dürfen hier darauf aufmerksam machen, dass jene Einflüsse, welche bei Be-trachtung der periodischen Erscheinungen der Vegetation sich als sehr günstig zeigen, dasgesammte Gedeihen der Pflanzen und ein bedeutendes Ansteigen derselben nach der Höhenicht immer in gleicher Weise befördern. Besonders deutlich tritt dieses bei den Phäno-menen des Frühlinges hervor, und bei einer Vergleichung der kleineren Gewächse mit dengrösseren Pflanzen z. B. den Bäumen. Die Wirkung einer zu freien Exposition, derEinfluss heftiger Stürme, die steile Neigung des Bodens u. s. w, welche dem Gedeihen derletzteren so nachtheilig werden, verschwinden ungemein für kleinere Pflanzen. An stark

1) Vergl. Die zahlreichen Versuche von Forbes in der Nähe von Edinburg .

2) Vergl. Boussingaults Experimente: Economie rurale II. S. 454.

3) Ein schönes Beispiel für die Wachsthumsverhältnisse dieser Classe von Pflanzen bieten dieCerealien, welche so sehr von der Luftwärme und von der Temperatur der obersten Bodenschichtenabhängen, dass z. B. Sommerroggen und Gerste in Sibirien bei Nertschins'k noch gedeihen, obgleichder Boden in einer gewissen Tiefe stets gefroren ist; Mitte August war dieses schon bei 7 Fuss unterder Oberfläche der Fall. Vgl. Kupffer in bullet. d lAcad. de St. Pelersb. classe phys. math. T. IV. N. 67.