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Untersuchungen über die physicalische Geographie der Alpen : in ihren Beziehungen zu den Phaenomenen der Gletscher, zur Geologie, Meteorologie und Pflanzengeographie / von Hermann Schlagintweit und Adolph Schlagintweit
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GAP. XIX. DIE PERIODISCHEN ERSCHEINUNGEN DER VEGETATION.

Gedeihen mancher Pflanzen noch in grösserer Erhebung begünstigt. Die Schneedecke er-hält den Boden auf niederen Temperaturen, und es werden dadurch zu frühzeitige Keimeund Blüthen der Pflanzen verhindert, welche durch die Kälte der nachfolgenden Nächtezerstört werden könnten. Wäre dieses nicht der Fall, so würde bei dem Erfrieren derneuen Triebe sehr öft die Constitution einer Pflanze so wesentlich leiden, dass sie gänzlichabsterben müsste und vielleicht in dieser Höhe überhaupt nicht mehr gedeihen könnte 1 ).

Bei den späteren Epochen , vorzüglich bei der F ruch treife, macht sich jedochdeutlich bemerkbar, dass sie in grösseren Höhen bei geringerer Wärme eintreten, als inden unteren Theilen der Alpen . Sie erfolgen ja in den ersteren nicht einmal gleichzeitig,sondern sogar später, in der Periode der abnehmenden Temperatur. Als schönes Beispiel

können Prunus Cerasus und Secale cereale hibernum angeführt werden.

Die Kirsche reift:

nach v. Gasparin 2 ) für das westliche Europa im allgemeinen bei einer

mittleren Tageslemperatur von. 4 7,8°C.

nach Dove 3 ) in Ostpreussen bei einer Tageslemperatur von .... 17,5 C.

an dem Fusse der Alpen bis zu Höhen von 2000 Fuss scheint die Tem-peratur ebenfalls zu schwanken zwischen.17°u. 18°C.

an der obersten Grenze hingegen, in den Centralalpen bei 4500 Fuss,wo die Fruchtreife erst am 20. August beginnt, ist die Temperatur

während derselben nicht höher als.41 bis12°C.

Der W interroggen reift nach Dove in Ostpreussen bei. 17,9°C.

an dem Fusse der Alpen ist die Temperatur nahezu ebenfalls dieselbe;an der äussersten Grenze in dem Innern der hohen Alpengruppen bei5200 Fuss beträgt die Temperatur zur Zeit der Fruchtreife am 3. Sep-tember kaum . .. 10 9 C.;

während auch schon tiefer bei 4000 und 4500 Fuss eine deutliche Ver-minderung der Wärme bemerkbar ist.

Bei der Rebe tritt ebenfalls die Fruchtreife, sowohl an der Polargrenzeals an den Ilöhengrenzen, bei weit kälteren Temperaturen ein, als ingünstigeren Lagen.

1) Eine interessante Erscheinung, welche mit den obigen Bemerkungen verglichen werden kann,wurde von Dove mitgetheilt. (Zusammenhang der Wärmeveründerungen der Atmosphäre mit der Ent-wickelung der Pflanzen. Abhandl. d. Berl. Acad. für 1844. S. 341.) Die Entwickelung der Blülhen an denKirschbäumen wird in Preussisch Lilhauen dadurch künstlich zurückgehalten, dass man den Boden inihrer Nähe mit einer schlecht leitenden Schicht von Laub bedeckt, wodurch er längere Zeit gefrorenbleibt. Die Blüthen treten dann so spät auf, dass sie vor der Zerstörung durch die häufigen Nachtfröste ge-schützt bleiben.

In Ebenen ist es überhaupt nicht selten, dass die Bäume bei zu früher Bliithe und Belaubung durchspätere Fröste sehr leiden.

2) Cours d agriculture. T. II. p. 94.

3j Berichte d. Berl. Acad. 1850. Taf. II zu S. 214.