EINFLUSS CMMATISCIIEH VERHÄLTNISSE.
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Bei Betrachtung der gesammten Warme während 'der Vegetalionszeit einer Pflanzeoder während verschiedenen Entwickelungsperioden ist zwischen jenen Temperaturen zuunterscheiden, welche der Pflanze direct förderlich sind, und solchen, welche sie in ihremWachsthume stille stehen machen. Mit den Temperatur mitte In im gewöhnlichen Sinneist diese Betrachtung nicht ganz vergleichbar, da bei den letzteren auch die Temperaturenunter 0° dieselbe Geltung haben als -jene über 0°; bei der Pflanze dagegen ändern sichdiese Verhältnisse, indem das Wachsthum nur bei grösserer Wärme vor sich geht. DieTemperaturerniedrigung bewirkt zwar einen theilweisen Stillstand, ja sogar zuweilen dasAbsterben der Pflanze; es findet jedoch niemals eine rückgängige Entwickelung in demSinne statt, dass sie mit den Temperaturen unter dem Gefrierpuncte und der Art undWeise, wie sie bei den Mitteln der Tage und Monate in Rechnung kommen, verglichenwerden könnte.
Die Temperatur, bei welcher die Entwickelung beginnt, ist ebenso, wie die Stö-rung, welche durch Temperaturerniedrigungen während des Wachsthumes bewirkt wird,nicht für jede Pflanze gleich gross; w'ir erwähnten schon früher, dass z. B. die Hochal-penpflanzen durch eine plötzliche Wärmeverminderung weniger leiden, als tiefer stehende,oder besonders Culturgewächse. Der Beginn der Vegetation erfolgt bald bei grössererbald bei geringerer Wärme, je nach den Eigenthümlichkciten einer bestimmten Art; jedochkönnen durch die Temperaturen des vorhergehenden Winters mannigfache Veränderungenhervorgerufen werden, indem z. B. ein mildes China während desselben den Beginn derVegetation theilweise vorbereitet, wodurch das Erwachen der Pflanzen im Frühlinge schonbei geringerer Wärme eintrelen kann. Grosse Hitze wirkt bisweilen auf die Vegetationebenfalls nachtheilig; es ist demnach die für die Entwickelung derselben zu berücksich-tigende Temperatur zwischen oberen und unteren Grenzen eingeschlossen 1 ), welche vonder Art der Pflanze selbst und von ihrer jeweiligen Entwickelungsstufe abhängig sind.Die Temperaturen , welche auf die Entwickelung der Pflanze einen directen Einfluss aus-Uben, sind zunächst jene Uber OGrad; in manchen Fällen scheinen jedoch Temperaturenselbst von + 1 bis + 3° C. noch ohne merkliche Wirkung zu bleiben, wenn sie nachkurzer Zeit wieder von kälteren unterbrochen werden. Dieses wird vorzüglich durch diegeringen Veränderungen deutlich, w'elche das Wintergetreide vor dem Beginne der wär-meren Frühlingsmonato zeigt, wenn auch schon früher des Mittags etwas höhere Tempe-raturen eintraten und der Schnee theihveise entfernt wurde. An’ den Nordgrenzen derPflanzen lassen sich nach Alph. De Candom.e 2 3 ) ebenfalls ähnliche Erscheinungen bemer-ken. Dagegen erfolgt bei grösseren Pflanzen, z. B. den Bäumen, selbst während desWinters kein absoluter Stillstand s ). Die Beurtheilung der Wärme, welche eine Pflanze
1) Wegen seines grossen Spielraumes darf hier der Keimungsprocess erwähnt werden, welcher von3° und 4° C. bis zu 40 u. 50° C vor sich geht. Boussingaolt Kcunomie rurale. Deutsche Ausg. II. S. 420.
2) Sur les limites polaires des especes. Bibi. univ. d. Genev. 4 848. Arch. d.sc. phys.el nalur. Yll. S. 5.
3) Nach den interessanten Versuchen von Boucheuie . über die Färbung und die Erhaltung derHölzer durch Infiltration, zeigt sich, dass der Winter zwar die Zeit der Saftruhe ist, dass aber dessenunge-
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