Kapitel XIV »5
dem allgemeinen Jammer vollzog dasVolk die religiösenGebräuche, mit denen es am ehesten den Zorn des Him-mels besänftigen zu können hoffte. Die einen stelltenfeyerliche Umgänge an, bey denen Leichengesänge er-tönten; andere, von Geistesverirrung befallen, beich-teten laut, mitten auf den Straßen. Es ereignete sichdamals in dieser Stadt, was auch nach dem schrecklichenErdbeben vom 4. Hornung 1797 in der Provinz Quito geschehen war: viele Ehen wurden zwischen Personengeschlossen, die seit langen Jahren ohne priesterlichenSegen zusammen gelebt hatten. Kinder bekamen jetztEltern, von denen sie bis dahin nie anerkannt waren ;Rückerstattungen wurden von Leuten verheifsen , dieNiemand eines Diebstahls beschuldigt hatte; Familien,Welche lange in Feindseligkeit gegen einander gelebthatten, versöhnten sich im Gefühle des gemeinsamenUnglücks. Wenn dieses Gefühl jedoch bey den einendie Sitten milderte und das Herz dem Mitleid öffnete,so geschah hinwieder auch bey andern das Gegehtheil:sie wurden hartherziger und unmenschlicher. In gros-sen Nöthen sieht man , dafs gemeine Seelen wenigernoch die Güte des Gemüthes als seine Stärke beybehal-ten, denn es verhält sich mit dem Unglück yvie mit demStudium der Wissenschaften und mit der Betrachtungder Natur; sie mögen ihren wohlthätigen Einflufs nuran Wenigen, durch Erwärmung des Gefühls, durchErhebung des Geistes und durch vermehrtes Wohlwoblen des Characters bewähren.“
„So heftige Erdstöfse, welche innerhalb einer Mi-nute die Stadt Caracas zerstört haben, konnten nicht
*) Die Dauer des Erdbebens, das will sagen, aller schwingende»und emporhebenden Bewegungen (undulacion y trepidaciori).,welche das schreckliche Ereignifs vom aösten März 181a ver-