Buch 
Das Tierleben der Alpenwelt : Naturansichten und Tierzeichnungen aus dem schweizerischen Gebirge / von Friedrich von Tschudi ; illustriert von E. Rittmeyer und W. Georgy ; herausgegeben von C. Keller
Entstehung
Seite
207
JPEG-Download
 

Allgemeiner Charakter.

207

Furchcn, sondern leicht ausgeweitete Wannen, die in sanfter Steigung rechtsund links gegen die Schneeregion anstreben, wahrend der Hintergrund ent-weder von vergletscherten Kuppen geschlossen ist, oder kaum merklich in einanderes Hochthal übergeht. Viel romantischer und wilder sind die etwastieferen Thäler unserer Region. Tnnkle, uralte Wälder mit vielen abgestorbenenStämmen ziehen sich an den Bcrgslankcn hin; schroffe, turmhohe Zinnenstürzen unmittelbar in die Thalsohlc ab; über Kalk- und Granitblöcke braustder oft vom Schleif- und Polierschlamm der Gletscher getrübte Wildbach ; derWeg verliert sich in furchtbare Schluchten nnd Tobel, oder windet sich mühsamüber schmale, unfruchtbare Thalstnfcn hinan. Stundenlang zieht der Wanderernur durch unendlich traurige Schuttreviere, dem Bache der Thalfnrche entlang,und sucht vergebens nach einer Breite, wo eine kleine Wiese Platz gewinnenkönnte. Tann ändert sich wieder rascher, als er erwartete, die Physiognomieder Landschaft. Die Berge treten zurück; an den Halden leuchtet das frische,tiefe Grün; Nadel- und Laubwälder leben wieder auf, und im friedlichenWiesengebietc des Plateaus ruhen behagliche Dörfer und Weiler. Die Hoch-thäler der vom Gotthard nördlich und westlich gelegenen Alpen sind durch-schnittlich klein, rauh, felsenbesät, steril, ein öder und trauriger Anblick; bloßdas Ursernthal und dasMayenthal sind milde, freundlich lachende, fruchtbareLandschaften, wogegen z. B. das Saaßthal, das obere llrbachthal, das obereSchüchenthal, das Maderancrthal, das Fählenthal das Bild einer von denNatnrgewalten zertrümmerten Anlage, eines unordentlichen Tummelplatzesheroischer Kräfte bieten, die ihr Spielzeug auf dem zertretenen Wiesenplanein greulichem Wirrwarr zurückließen. Überhaupt sind die eigentlichen Thal-bildungen der Alpenzone im ganzen nichtrhätischen Alpengebicte nur frag-mentarisch. Bei ihren tieferen Bergeinschnitten fallen die eigentlichen bedeuten-den Thäler weit unterhalb der Alpcnregion; im Bündncrlande dagegen bringtdie beträchtliche Bodenerhebung des ganzen Gebietes eine Menge größererund kleinerer Thalbuchten in unsere Region heraus. Der Charakter derAlpenregion spricht sich daher im nichtrhätischen Gebiete vorwiegend durchdie Bergstöcke selber, durch die an sie gelehnten Hochweiden, Felsengcbiete aus;im rhütischen dagegen, wo dieKettcnformation sich mit der Hochlandsbildungvereinigt, umfaßt er ganze Bezirke mit Thälern, Wäldern, Dörfern, Pässen,Felsen, Wiesen und Weiden.

Daraus folgt denn auch die größere Milde und Wärme des Klimas undalso auch die höher hinaufreichende Vegetation der rhütischen Alpenzone. DieHochthäler derselben sind ihre Wärmekessel. Die geschützte und abgeschlosseneLuft erhält durch die Sonne rasch eine höhere Temperatur, dringt nach obenund teilt sie auch der Höhe mit; aus den tiesansgeschnittenen Thälern vonBern, Glarus, Appenzell dagegen verkühlt die aufsteigende warme Thalluft,ehe sie den langen Weg nach der Alpenregion zurückgelegt hat, und die relativviel bedeutendere Höhe dieser Bergstöcke bietet ihre ungeschützten Flanken mehr