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Das Tierleben der Alpenwelt : Naturansichten und Tierzeichnungen aus dem schweizerischen Gebirge / von Friedrich von Tschudi ; illustriert von E. Rittmeyer und W. Georgy ; herausgegeben von C. Keller
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Die Alpenregion.

Brocken, und an 190 m höher als die Schncekoppe, der nackte höchste Gipfeldes Riesengcbirges. Dieses wunderbare Hochthal ist nichts weniger alsfruchtbar; unermüdlicher Fleiß uud strenge Sorgfalt zwingen dem Boden dieschwache Ernte an der Holzgreuze ab. Dicht über der Thalsohle hört derHolzwuchs auf und an manchen Stellen gelangt mau fast ebeucu Fußes zuden ewigen Gletschern des Bernina. Alan glaubt sich getäuscht durchdie schärfsten Kontraste. Um die schönen weißen Häuser und Landgüterwächst die Flora der Alpen ; die nächste Bergstufe weist schon in die Augenfallend die Grenze des pflanzlichen Lebens auf, und dicht über ihr ragen dieSilbcrhörner der Hochalpen in die blaue Luft. Das Thal von Avers oder Afuerthal aber ist vielleicht das höchste in Dörfer» bewohnte euro-päische Thal*). Sein Hauptort Cresta liegt 1948 w ü. M., uud derhöchste Weiler dieses fünf Stunden laugen Thalzuges, Jus, sogar 2133 mü. M. In diesen Höhen lebt, durch wirre Felsenlabyrinthe und unendlicheGlctschermassen von der übrigen Welt abgeschlossen, hoch über dem Holzwuchsin einem freundlichen und reichen Wieseugrunde, der weithin am wildenGebirge sich ausdehnt, ein freies, deutschrcdendes, protestantisches Hirten-völklein von 340 Seelen in sechzehn Häusergruppen, das seine Wohnungen mitStrebepfeilern vor dem Drucke der Lawinen schützt, keinen Frühling undHerbst kennt, in dem kurzen Sommer aber über 2000 Stück Rindvieh und3000 Stück Bergamaskerschafe auf seinen Weiden nährt, mit Mühe etwasGemüse baut und wie die Einwohner von Stalla (1776 m ü. M.) jenseitdes östlichen Gebirgskammes den Mist der Schafe und Ziegen dörrt und alsBrennstoff gebraucht. In seiner Nähe aber bietet das Gebirge schöne Marmor-lager und starke Erzminen, ein Reichtum der unorganischen Natur, der seltsamgegen die Armut der organischen absticht.

Wir dürfen uns diese hohen Thäler der Alpenregion trotz ihrer Bcwohnt-hcit doch nicht volkreich denken, mit der einzigen Ausnahme des Engadins. Überder Holzgrenze liegend, bieten sie einen ernsten, einförmigen Anblick, der nurdurch daS saftige Grün der Wiesen und das 'weidende Vieh im Sommergemildert wird. Dft ist die Rasendecke von Erdschlipfen und Felseubrüchenzerrissen und mit grobem Geröll bedeckt. Die Thalbäche führen von dennahen Gletschern Schutt uud Blöcke heran und wühlen sich tobend durch ihreselsencrsüllten Rinnsale. Die oberen Thalhälftcn sind selten schmale, tiefe

Unbewohnte Hochthäler zählen die Alpen noch bei 2600 in ü. M; dashöchste namhafte Thal Europas ist wahrscheinlich das furchtbarschöne Rotthal westlichan der Jungfrau, gegen 2VV0 m ü. M. und eine Stunde lang. Die Bewohner derunteren Thäler glauben, daß hier die Geister alter Ritter Hauken und ihre wildenFeste unter furchtbarem Getöse und dämonischer Himmelsbeleuchtung stiern. Kaumein Geißbube und noch seltener ein Alpenjäger betreten seine zerrissenen chaotischen,stellenweise blutrot gefärbten Felsen, die in den Donnern der Lawinen und Gletscher-brüche beben.