Buch 
Das Tierleben der Alpenwelt : Naturansichten und Tierzeichnungen aus dem schweizerischen Gebirge / von Friedrich von Tschudi ; illustriert von E. Rittmeyer und W. Georgy ; herausgegeben von C. Keller
Entstehung
Seite
215
JPEG-Download
 

Allgemeiner Charakter.

215

im Kessel oder auf der Weide, wo sie stehen geblieben und 912 m, inThalschluchten dagegen bis 60 m hoch aufgetürmte Schneemecre bilden, nurlangsam, oft erst im Juli; und im nächsten Jahre blühen daselbst ganzeKolonien herabgcflößter Alpenpflänzchen. Sft bleiben die Massen in einemBachbette stecken. Der Bach taut auf, bildet einen kleinen See, bis er sichdurch die 1524 m breite Schneemaucr durchgefressen, und stürzt sich über-schwemmend ins Thal. Ist die Witterung kalt, oder liegt der Thalgrnndhoch und schattig, so bleibt nicht selten die durchgefressene Schnecmasse alsbrückenartiges Gewölbe, das gefahrlos überschritten wird, das ganze Jahrdurch über dem Bache stehen und stürzt gelegentlich im nächsten Frühjahrzusammen. Von der Festigkeit des im Thale unten anlangenden Lawinenschneeshat man merkwürdige Beweise erhalten. Die Masse ist so durchgeballt,gerüttelt, geknetet, daß sie zu einem eisenharten Kitt wird. Ein Bergmann,der auf dem Splügen von einer Lawine ins Thal geworfen wurde, aberunversehrt blieb, vermochte es mit aller Gewalt nicht, seinen zur Hälfte iniSchnee stecken gebliebenen Mantel aus dieser Kittmasse herauszureißen. Dasaußerordentlich langsame Schmelzen der Lawinentrümmer wird unter solchenVerhältnissen leicht begreiflich.

Weniger begreiflich ist die andere Erscheinung, daß die in solchem SchneeBegrabenen in ihrer Tiefe jedes Wort, das von den sie Aufsuchenden gesprochenwird, deutlich vernehmen, während ihr angestrengtestes Rufen auch nicht einmaldurch eine etliche Fuß dicke Hülle zu dringen vermag.. Diese alte Erfahrungbestätigte sich auch vor einigen Jahrzehnten wieder. Ein am 19.April 1866bei Orezza (Münsterthal) von einer Lawine verschütteter Fuhrmann, der durchden Wagen ein wenig geschützt blieb, mußte sechsundzwanzig Stunden lang inseinem Schneegrabe zubringen, ehe er ausgeschaufelt werden konnte. Währenddieser bangen Zeit hatte er nicht nur jedes Wort der ihn Suchenden verstanden,sondern sogar die Vesperglocke von Sau Carlo deutlich vernommen. Er starbwenige Stunden nach seiner Befreiung. Ist der Lawincnschnee ein schlechterSchallleiter, so ist er ein um so besserer Konservator. Jm Canalithale (Tirol)fand man auf dem Grunde einer Lawine, die erst im zweiten Sommergänzlich abschmolz, eine Gemse mit ihrem Jungen, deren Fleisch noch ganzgenießbar war.

Neben diesen großen Lawinen bilden sich vom Januar bis April in allenAlpen zahllose kleinere, meist Staublawinchen aus losem Schneegeschiebe. Siehangen plötzlich wie Schleier an den Felsenwünden, sammeln sich auf einemRasenbande wieder und stürzen sich aufsprudelnd noch über eine Galeriehinunter, wo sie gewöhnlich ein eigener Trichter oder Kessel aufnimmt. Esgiebt einzelne Bergfurchen, in denen den ganzen Frühling durch solche Lawinenfließen. An der Jungfrau, am Uri-Rotstock, am Wiggis und Glärnisch ,überhaupt an allen steileren Bergpyramiden, die aus tiefen Thalbuchten auf-steigen, sieht man solche verjüngte Lawinen, die bloß 300600 m tief fallen,