Buch 
Das Tierleben der Alpenwelt : Naturansichten und Tierzeichnungen aus dem schweizerischen Gebirge / von Friedrich von Tschudi ; illustriert von E. Rittmeyer und W. Georgy ; herausgegeben von C. Keller
Entstehung
Seite
216
JPEG-Download
 

216

Die Alpenregeon.

gleichsam nur von einer Etage des Geländes zur andern. Wir haben schongleichzeitig an Einem Bergstock ein halbes Dutzend solcher donnernder Kaskadengezählt; in einer einzigen Stunde eines warmen Frühlingstages kann manunter günstigen Verhältnissen 12 bis 16 und mehr Fälle beobachten, vondenen jeder seine eigentümliche Gestalt und Schönheit hat. Tann ,donnerndie Höhen' in der That unaufhörlich; die Schleier wallen von allen Seitenüber die Felsterrassen und scheinen in den Lüften zu verschwinden, wenn ihrTrichter, wie gewöhnlich, durch einen vorder» Bcrgaussatz verhüllt ist. Esist dies so eine eigene Art, wie der Frühling in den Alpen sich einzuläutenpflegt, ein so heimatliches, fröhliches Naturschauspiel, daß die Kinder desThales in der Fremde sich gar nicht daran gewöhnen wollen, einen Frühlingohne jene rauschenden Silbcrbänder kommen zu sehen.

Nichts bcsördert aber auch mehr die Möglichkeit einer Frühlings-vegetation in den Höhen, als diese Art der Entfernung von zahllosen MillionenZentnern Schnees. Müßten alle diese Massen, von deren Umfang man sichnur selten einen richtigen Begriff macht, langsam wcggeschmolzen werden, sodauerte dies wohl bis tief in den Sommer hinein. An manchem schattigenGelände ginge der Schnee gar nicht ab, und es würden sich bleibende Schnec-und Gletscheransätze bilden und wachsen, wo nun durch die Gunst der Lawinender Wildhcuer seine duftigen Hcubürdcn sammelt. Ist in der Höhe infolgeeiner Grundlawine einmal ein ganzes breites Schneeseld ins Thal abmarschiert,so wirkt die Sonne und der Regen von diesen Brachplätzen aus mit doppelterSchmclzkraft nach allen Seiten hin. Der Boden wird warm; die benachbartenSchnecgcbiete werden von unten auf untcrfrefsen, von oben durch Schnee undZiegen und Föhn abgeleckt und bald rutschen sie den Vorgängern, nachdem siereif geworden find, im gleichen Bette nach oder verenden auf dem Platze.Jene Brachplätze sind denn auch die ersten Futterftcllcu, wo die Raben undKrähen, die Schneehühner, Birkhühner und die kleinen Insektenfresser diefrühesten Würmer, Larven und Käfer finden, und wenige Tage nach derEntblößung des Bodens lebt auf diesen schwarzbrauucn Lasen schon einwunderbares Treiben und Verfolgen von allerlei Mücken, Wanzen, Fliegenund Wolssspinncn, wahrend ringsum noch alles in hohem Schnee liegt unddie Leute im Thäte uoch keine Spur solchen Höhcnlebcns ahnen.

Wir sind in der That geneigt, die Lawinen für vorwiegend nutzen-bringende Alpenphänomcne zu halten. So groß auch in einzelnen Fällen ihreVerheerungen, die schon mit Einem Schlage ganze Dörfer und Hunderte vonMenschenleben vertilgt haben, sein mögen, so hängt doch von ihnen dieMöglichkeit einer Vegetation in großen Gcbirgsteilen ganz ab. Die kleinenLawinen, also die zahlreichsten, find in der Regel unschädlich, und von dengrößeren wirkt nur ein geringer Teil, besonders die, welche neue Bahneneinschlagen, nachhaltig verheerend. Freilich sind die Schutzmittel der Berg-bewohner auch gar unzulänglich, namentlich die allbcstandcncn, morschen