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Das Tierleben der Alpenwelt : Naturansichten und Tierzeichnungen aus dem schweizerischen Gebirge / von Friedrich von Tschudi ; illustriert von E. Rittmeyer und W. Georgy ; herausgegeben von C. Keller
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Tie Alpenrcgion.

des unendlichen Felsenrevieres. Die letzteren wissen trotz des furchtbar steilenAbfalles des Geländes doch durch die einzelnen Terrassen, Schluchten undFalten Wege über die ganze Breite des Gebirgsmantels hin zu finden undleben mit einer gewissen Behaglichkeit auf ihren unzugänglichen Graten, welchesie auch im hohen Winter nicht zu verlassen scheinen, indem sie in einzelnenKlüften und Felsgewölbeu einigen Schutz und an den .Staubecken' (den vonWinden reingefegten Gratsciten) etwas Nahrung finden.

Wenn wir den ganzen Gürtel der Alpcnregion (13002300 m ü. M.)überblicken, so zerfällt er hinsichtlich seiner Vegetation in zwei große Hälften.Steigen wir von seiner untern Grenze aufwärts, so sehen wir ungefähr inder Mitte nicht nur alle zusammenhängenden Waldbestände aufhören, sondernes verschwinden überhaupt alle hohen Baumformeu. Verkrüppelte Gebilde,reduzierte Formen, Büsche und Zwergsträucher treten au ihre Stelle undverlieren sich ebenfalls, ehe wir die obere Grenze des Reviers erreichen.Natürlich modifiziert diese mittlere Linie, welche den Baumwuchs abgrenzt,auch die Existenz der Tierwelt, die in so mancher Hinsicht an die großenVegetationswicgen der Waldungen und üppigen Buschrcviere gebunden ist.Es ist sehr schwer, die absolute Höhe jener Linie anzugeben, da sie nicht nurin früheren Zeiten höher stand als gegenwärtig, sondern auch in den ver-schiedenen Zügen der Alpenkette, durch Sonnen- und Schattenseite, Winde,Fruchtbarkeit oder Rauheit des Bodens, Felsen und Erdfälle, Lawinen undBergwasser, Höhe und Tiefe der nächsten Thäler, südliche oder nördliche Lagebedingt, vielfach wechselt; doch werden wir nicht irren, wenn wir im allge-meinen die Höhe der Baumgrenze, mit Ausnahme der Zwergbaumformen, zu16001900 m ü. M. angeben.

Wie der einst so dicht bewaldete Libanon heute in seinen oberen Teilennur noch selten eine seiner berühmten Zedern besitzt, so ist der Wald auch vonunseren Alpen zurückgewichen und hat selbst im Mittelgebirge vielfach denGletscher- und Steinwüsten Platz gemacht. Das vordem so dicht bewaldeteTannenthal Volle di Peccia (Pece im Dialekt Tanne) oberhalb der Lavizarraerzeugt heute kaum noch den Bcennholzbedarf seiner spärlichen Bewohner. Inanderen Gebirgen ist es nicht selten, daß man ganze große Reviere von hohenTannen und Lärchen dürr und tot dastehen sieht, ohne daß man sich erklärenkönnte, was diese überraschende Erscheinung veranlaßt. Von einem Nachwuchsist dann natürlich auch keine Rede mehr. Eine alte Schweizerkarte weist amUrsprung der Aare ein fruchtbares Baumgelände nach, ebenso alte Urbarienim Rheinwald an den Hinterrheinquellen, wo früher noch die Elstern zahlreichbrüteten und heute die Nester der Schwalben öde stehen, jetzt thronenmitternächtige Gletscher, wo Wälder grünten und Weiden blühten. Im obernAversthale brennen die Bewohner Ziegen- und Schafmist, und die Prophezeiungist buchstäblich in Erfüllung gegangen, die einst, als noch reiche Waldbeständedie Berghöhen kleideten, ein Mann den übelhausenden Einwohnern aussprach,