Wir haben absichtlich bei Heidegger etwas länger verweilt, um auch dem jetztlebenden jüngern Ge-schlechte den Mann näher bekannt zu machen, den seine Mitbürger durch jenes Denkmal ehren wollten,welches hinwiederum diesem Tempel der Wissenschaft, dessen würdigster Priester Heidegger war^), zurwahren Zierde gereicht.
An Heideggers Stelle ward jetzt zum neuen Vorsteher der Bibliothek einmüthig des großen Blaarerswürdiger und gelehrter Sohn, 3kr. Hs. Ulrich Blaarer gewählt, Heideggers inniger Freund. Geboren imZahr 1717 ward er ganz nach dem Plane des Vaters erzogen, der dem talentreichen Sohne nicht nur einentüchtigen Lehrer gab, sondern selbst jede Stunde, die ihm von Staatsgeschäften frei blieb, seiner Erziehungwidmete, selbst ihm Freund, Muster und Lehrer war. Er machte auch in den Sprachen so große Fort-schritte, daß er schon in seinen» vierzehnten Zahre aus dem untern Collegium ins obere übergehen konnte,und dann mit seinem ehemaligen, inzwischen auf eine Landpfarre versetzten Privatlehrer in die sechszehnZahre eine lateinische Correspondenz über archäologische, literarische und theologische Materien führte. Nachseinem Austritte aus den Collegien übte er sich noch einige Zahre zu Hause in den Sprachen und Künsten,für deren Erlernung das Gymnasium keine Gelegenheit darbot. Darauf ging er als zwanzigjähriger Züng-ling auf Reisen, zuerst nach Genf, hielt sich dann in Holland, England und Frankreich auf, um sich einenSchatz von Menschen-, Sach- und Kunstkenntnissen zu sammeln, worüber er während seiner dritthalbjäh-rigen Abwesenheit einen interessanten Briefwechsel »nit seinem Vater unterhielt. Nach seiner Heimkunftbrachte er seine Zeit, neben dem Staatsdienste in den Kanzleien und dem Stadtgerichte, theils mit Land-vkonomie auf dein Befitzthume feines Vaters, theils mit gelehrten Beschäftigungen, z. B. mit sorgfältigerCatalogisirung der ansehnlichen Bibliothek, welche schon sein Großoheim (Professor Blaarer) angelegt, seinVater fortgesetzt und er selbst auf seinen Reisen mit ausgesuchten Werken bereichert hatte. Zm Zahr 1749gelangte er in den großen Rath, und 1753 ward ihm die Landvogtei der Herrschaft Wädenschweilübertragen. Erst iin Zahr 1775 ward er, einhellig zwar, in den kleinen Rath und dann in den geheimenRath gewählt, und Beisitzer der wichtigsten Commissionen. Höhere Staatswürden zu übernehmen, dazuhielt er sich als ein Sechziger nicht mehr für geeignet. Seine Mußestunden widmete er vorzüglich gelehr-ten Arbeiten und den schönen Künsten. Denn auch in der Zeichnungskunst besaß er viel Talent, und richtigenGeschmack, hatte auf seinen Reisen eine schöne Sammlung von Kupferstichen zusammengebracht, bereicherte stetssein Kunstkabinet mit sorgfältig ausgewählten Kupferstichen, und hatte mit Kunstkennern und Künstlern, z. B.mit Rathfchreiber Füßli und Andern, regelmäßigen auf die Kunst bezüglichen Umgang. Er versuchte sichauch in poetischen Erzählungen, die Bodmer ohne dessen Namen herausgab ^°). Nächst dein Chorherr Zoh.Geßner und Bürgermeister Heidegger hatte er den meisten Antheil an der Gründung der naturforschendenGesellschaft, um die er sich ebenfalls als zweiter Sekretär verdient machte und der er auch von Anfang an bis
29) Auch der damalige Bibliothekar, Professor Leonhard Usteri (geb. »74t, gest. 1789) drückt sich in seinem der Generalver-sammlung der Bibliothekgesellschaft im Jahr 1778 über den Zustand der Bibliothek und die Verrichtungen des Konvents erstattetenBericht über Heidegger in dieser Beziehung also aus: „Das Beisviel seiner geleisteten Dienste, seine Gegenwart, seine Anleitung, dieMittheilung seiner Kenntnisse ermunterte den Fleiß und die oft mühevolle Geschäftigkeit derer, denen nach ihm die nähere Obsorgeder Bibliothek anvertraut war, oder die derselben aus eigenem Triebe ihre Zeit und Arbeit widmeten. Und in den spätern Jahrenseines ruhmvollen Lebens machte seine Gegenwart unsere öffentliche Bibliothek, die er zu seinem angenehmsten Erholungs-orte gewählt hatte, zu einem akademischen Spaziergange, wo Jeder, der die Verdienste dieses großen Weisen und Gelehrten zuschätzen wußte, mit der Vertraulichkeit, die ein wohlgearteter Jüngling zu seinem Lehrer hat, Erkenntniß und Weisheit schöpfen konnte,und den Anlaß hatte, die großen Kenntnisse des Mannes zu bewundern, dem keine Art von Büchern freinde, so wie jede Wissenschaft,wo nicht in ihrem ganzen Umfange, doch nach ihrem Endzweck und Nutzen bekannt war."
30) Seine bedeutendste schriftstellerische Arbeit war die »Übersetzung der Schrift des Engländers Brown, die er im Jahr 177»unter dem Titel: „Gedanken von der bürgerlichen Freiheit; der Ausgelassenheit und Zwietracht in freien Staaten entgegengesetzt.Aus dem Englischen übersetzt." ebenfalls anonym im Drucke erscheinen ließ.