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natürlichen Ausdrücken, derben Spässen, unverholenen Spott- und Schimpf-reden kein Aergerniss, und gaben sie zurück, wie sie sie empfingen.
Das ganze damalige Leben war bis in seine tiefsten Lebenselemente auf-geregt; es herrschte Erbitterung Vieler gegen Viele, und selbst die Geistlichen,von denen Milde des Ausdrucks wie der Gesinnung hätte ausgehen sollen,gaben für die stärksten Ausfälle den Ton an 76 ). Die Reformatoren, Luther an der Spitze 77 ), führten zuweilen eine Sprache, hinter welcher die rauhe,Deutsche Zunge, welche Th. führte, noch weit zurückstand.
Auch darf der Punkt nicht übersehen werden, dass diejenigen, welchedamals in ihrer Muttersprache zu schreiben anfingen, gegen die, welche nachder alten Art noch das Lateinische Idiom beibehielten, sehr im Nachllieilewaren; denn während jene sich unwillkürlich gehen Hessen und es im Aus-drucke, der noch nicht gehörig herausgebildet war, nicht so genau nehmenkonnten, sahen jene sich gezwungen, wie das immer bei einer fremden Spracheund hauptsächlich bei der Lateinischen der Fall ist, die Gedanken sich voll-kommen klar zu machen und sie dann in conciser Kürze vorzutragen.
Th. wusste wohl, dass man seine Schreibart für zu leidenschaftlichhielt; aber er legte die Schuld dieser seiner Entrüstung nicht seinem eigenenheftigen Naturell bei, sondern erklärte sie als eine nothwendige Folge derUeberzeugungen, für die er gegen invetei'irte Vorurtheile kämpfen müsste 78 ).
76) Man lese nur einige Proben von den Predigten Geiler’s über Brandts Narren-schiff (in Flögel’s Gesell, der komischen Liter. B. 3. S. 128 fg.). — Der feineErasmus nannte Leo Juda einen ungelehrten Tropf, der sich besser darauf ver-stehen möge, Schweine zu hüten, als Bücher zu schreiben (Hess Leben desErasmus. Th. 2. S. 283.).
Gewisse Ausdrücke, die man jetzt nicht mehr auszusprechen wagt, warendamals ganz gebräuchlich. Man sehe z. B. über Thomas Murner : KirchhoferSebastian TVagner. Zürich . 1808. S. 76., oder über Thomas Münzer, Luther inden Werken. Haller Ausg. Th. XVI. S. 202.
77) Wie stark sind Luther’s Ausfälle in einigen seiner Schriften, namentlich in:“Wider Hans Worst”; “Zwei Kaiserliche uneinige und widerwartge Gebote”;“Wider das Pabstthum zu Rom , vom Teufel gestift”.
78) “Und ob jhr mich hitzig inn meinem schreiben woltend urtheilen, betrachten