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Mag auch diese herumziehende Lebensart grossentheils ihren Grund inseinem unstäten und unbefriedigten Gemüthszustande gehabt haben, eine Ent-schuldigung oder Erklärung findet sie wenigstens zum Theil noch in denVerhältnissen jener Zeit. Bei den dürftigen Verbindungsmitteln der Städteund Länder, wo die Fortschritte in Wissenschaft und Kunst sich nur lang-sam und vereinzelt fortpflanzten, konnten reichbegabte, nach Einsicht und Mit-theilung dürstende Geister ihren Zweck nur durch Reisen von Land zu Land,durch ihre persönliche Erscheinung an den verschiedenen Orten erreichen.
Darum finden wir manche der berühmtesten Männer gewissermassen fastimmer unterwegs, ohne bleibende Stätte, so z. B. den Desiderius Erasmus baldin Frankreich , bald in England, bald in Italien , bald in den Niederlanden 211 ).
Aber Th. selbst äussert sich über diesen Punkt in seiner gewohnten Ei-genthümlichkeit 212 ): “Die Kunst gehet keinem nach, aber ihr muss nachge-gangen werden: darumb hab ich fug und verstand, dass ich sie suchen muss,und sie mich nit. Ich hab etwan gehört, dass ein Arzt soll ein Landfarerseyn: dieses gefeit mir zum besten vvol. Dann ursach, die Krankheiten wan-dern hin und her, so weit die Welt ist, und bleiben nicht an einem ort.Will einer viel Krankheiten erkennen, so wander er auch: Wandert er weit,so erfert er viel, und lehrnet viel erkennen. Gibt wandern nicht mehr ver-stand, dann hinderm Ofen sitzen? Also acht ich, dass ich mein wandernbillich verbracht hab mir ein lob und kein schand zu seyn. Dann das wilich bezeugen mit der Natur: Der sie durchforschen wil, der muss mit den
Basa, dem Leibarzte des Königs von Polen besucht worden sey, und wie er, zudessen Erstaunen einen Kranken, der bereits aufgegeben wurde, den Tag daraufzu Tische geladen habe (Mich. Neander, Orbis Terrae Partium succincta expli-catio. Lips. 1589. 8. p. 57.).
209) Er wurde zur Frau des Patriciers Langenmantel gerufen: Erastus Disp. III.212. Cf. IV. 159. Murr Th. 2. 236.
210) Th. III. 109.
211) Erasmi Opus Epistol. Basil. 1538. fol. p. 938.: In his aedibus, quas soceri tui(Frobenii) benignitas toties mihi conata est dono obtrudere, tantum annorumperegi, ut ab exortu vitae ne in civitate quidem ulla vixerim diutius.
212) Die vierdte Defension. Th. II. 174.