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werden, lerne man Spiegelfechterei. Man soll von dem Phantasievverke undden Meinungen, so der Mund Gottes nicht rede, lassen 273 ). Aus dem Bü-cherwesen erwachse für ein redlich Gemülh nur eitel Widerspruch und Yer-wirrung 2 74). “Nicht die Bücher, auff denen der Staub liget, und die dieSchaben fressen mögen, auch nit die Bibliotheken, die mit Ketten gebunden,sondern die Element in jhrem Wesen, seynd die Bücher” 275 ).
Man darf solche Aeusserungen nicht als Ausbrüche eines ungebildetenund ungebundenen Neuerers betrachten, wegen ihrer Einseitigkeit belächeln,wegen ihrer Derbheit verwerfen. Es sind Baute der Unruhe, der Sehnsucht,die eine grosse, strebende Natur ganz erfüllten und zugleich, was man nieübersehen darf, den Hauptcharakter jener merkwürdigen Epoche ausmachten.
Das 16. Jahrhundert war die Zeit einer lange vorbereiteten Gährungkirchlicher und wissenschaftlicher Ueherzeugungen. Der Geist wollte sich diebloss durch Ueberlieferung geheiligte Menschensatzung nicht mehr gefallenlassen; diese sollte ihr Bindendes durch ihren eigenen Inhalt bewahrheitenund bekräftigen. So hatten. sich zuerst die Kirchenversammlungen gegen diePäbste erhoben; dann verlangten die B.eformatoren, dass die Bibel mehr ent-scheide, als die Beschlüsse der Concilien.
So lag auch in anderen Gebieten nahe, wo enge Schulansicht, herge-brachter Irrwahn das ursprüngliche Bedürfnis, das Licht der Vernunft nie-der zu halten schien, diese gegen jene auf jede Gefahr hin geltend zu machen.
Th. lebte schon früh mitten unter den einflussreichsten Bewegungsmän-nern, bei Erasmus, der die philologisch-gelehrte, bei Oekolampadius undZwingli , welche die christlich-praktische Reformation mit in Gang brachten.Wie sich diese Schweizerischen Glaubenshelden Liebhaber der Wahrheit 276 )nannten, so wollte der Arzt auf seiner Bahn gleichfalls solche Liebe beurkun-den. Er sagt 277 ): “Dieweil kein Evangelium in der Arzney bisher beschrie-ben ist, sollte die Wahrheit weiter zu suchen nicht verboten seyn. Die Arz-
273) ebend. B. 3. Cap. 10. S. 270.
274) Paramir. L. IV. De orig. morb. matr. Th. I. 237.
275) Von den Tartar. Krankh. Cap. 3. Th. II. 260.
276) Thomas Plater a. a. 0. S. 98.
277) Vorred in den andern Tr. des 2. B. der grossen Wundarzn. S. 77.