Buch 
Zur Würdigung des Theophrastus von Hohenheim / von Karl Friedrich Heinrich Marx
Entstehung
Seite
127
JPEG-Download
 

127

Der voreilige Ausspruch: eine Krankheit sey unheilbar, verrathe Mangelan Einsicht und, den Kräften der Natur gegenüber, an Wahrheit 626 ).

Wer aus dem gegenwärtigen so reichen und geordneten Gebiete derLehre von den einzelnen Krankheiten, was mit dem Namen der speciellenPathologie und Therapie bezeichnet wird, sich in die Bedürftigkeiten jenerZeiten versetzt, wo Th. sein Lehrgebäude begründete; wer das Vergangeneund Gleichzeitige mit dem, was er gewollt und geleistet, vergleicht, wird zudem Schlüsse hingedrungen, dass eine ungewöhnliche Kraft, ja, wenn man sosagen darf, eine bis dahin ungealmete Inspiration in ihm thätig gewesen. Erhat zwar mit dem unverarbeiteten Stoff, mit eigenen Vorurtheilen, mit einerunbehülflichen Sprache zu ringen; aber trotz dieser Beengungen und Verdü-sterungen erscheint er als ein Arzt, der Rechenschaft von sich und der Kunstfordert, dem eine naturgemässe Erklärung der Erscheinungen, ein Erfassen derletzten Gesetze Bedürfniss und inneres Gebot ist, und der verstanden und be-folgt oder nicht, doch sicher späteren, besseren Richtungen vorgearbeitet hat.

Th. hielt sich für gemüssigt, den Krankheiten neue Namen beizulegen,weil er die damals gebräuchlichen für nichtssagend, oder nach seinem Aus-druck fürUebernamen erachtete. Er sagt 627 ):Mich bekümmert das allein,den Ursprung einer Krankheit und seiner Heilung zu erfahren, und den Nam-men in dasselbig zu concordiren.

Eine sonderbare Gewohnheit sey die, die Namen von den Heiligen her-zunehmen , als ob diese den Menschen aus Uebelwollen und Rachsucht solcheUebel zufügten. Wie doch der Glaube solche unsichtbar handelnden Männ-

best, und dich selbst zu schänden bringest. Sagst du wenig zu, und bringstsweiter, ist aber ein Spott, das du dein eygen Kunst nicht verstanden hast.

626) Paramir. L. I. De or. morb. Cap. 8. Th. I. 103. Von den Tartar. Krankh.Cap. 8. Th. II. 280. Auss dem jrrsal und unverstandt. folgt, dass sie sagen,es ist morbus incurabilis: Also wirt auss einer warheit ein lügen, in dem daseinem Ding wol zu helffen ist, und aus ihrem unwissen sagen sie, es sey nit zuheilen: das ist ein grosser irrtliumb in der Artzney, sie wöllens aber für einenjrrthumb nit haben.

627) Die Ander Defension. Th. II. 167.