Dreyzehende Unterredung. 275
ckeln(*) der Vernunfft wird keineswe⸗ Die
gen durch tiefffinnige Betrachtungen, uͤber brauch-
die Handlungen des menſchlichen Ver⸗ Wiſſen-
ſtandes, zuwege gebracht, noch auch durch ſchafft.
allgemeine Regeln, die in einem Buche
methodiſch vorgetragen ſind. Das Leſen
dieſer Regeln hat allerdings ſeinen Nu-
tzen/ ſowohl, als das Leſen eines jedweden
Buches, das ordentlich geſchrieben iſt.
Nichts deſtoweniger kan bey ſelbigem die
Vernunft noch ehr ſchwach und unvermoͤg-
lich bleiben. Sollen ihre Kraͤfften eine ge-
wuͤnſchte Groͤſſe bekommen, ſo muß ſie
ſich um die Erlaubniß nuͤtzlicher Sachen
bemuͤhen, und, ſo offt ſie etwas neues ler-
net, dahin trachten, wie ſie den Zuſam-
menhang deſſelbigen, mit den bereits er-
kannten Wohrheiten, deutlich einſehen moͤ-
ge; Sie muß ihre eigene und fremde Feh-
ler ſorgfaͤltig bemerken, und auf deren
Verbeſſerung gedenken; Sie muß ſich an
die ungezweiffelte Erfahrung halten; und
mit einem Worte, ſie muß vielmehr mit
Ausuͤben, als mit bloſſem Erwaͤgen derS 2 Ver-
(*) Dieſes Auswickeln der Vernunft wirdwohl ſo viel bedeuten, als dieſelbe ſchaͤr-fen, das iſt, dieſelbe immere mehr ge-ſchickter machen, den Zuſammenhang derWahrheiten einzuſehen. Eine dergleichen Fer-tigkeit erhalt man nicht anderſt, als durch be-ſtaͤndige Ausübung der logicaliſchen Regeln.