578 Zwey und dreyßigstes Schreiben.
Wenn seiner Lippen Strom mit Zentnerworten floß,
Und lauter Honigseim in Ohr und Herzen goß.
Ich hab euch längst vermißt! doch itzt, nach so viel Jahre»/Nachdem ich mehr gesehn, gelesen und erfahren,
Was wahre Redner sind; itzt sag ich, stellt mein OhrDas Glücke jener Zeit sich lebhaft wieder vor;
Und hört es gleichsam noch, was damals mich entzücket,Als sich dein Unterricht in meine Brust gedrücket.
So angenehm und schön sprach kein Chrysostomuö,
So feurig Mäyer nicht, auch nicht Lasseniuö,
So klug kein Tillotson. Wie groß war mein VergnügtSo bald du öffentlich den Lehrerstuhl bestiegen!
Wie drang nicht arm und reich, wie drang nicht groß u.k^Mit brennender Begier in jeden Tempel ein,
Wo du zu hören warst! wie ward man da gerühret!
Und was für Nachdruck ward von jedem Wort gespüret!Ihr Edlen Königsbergs! Ihr Bürger dieser Stadt!Ihr Herzen, die sein Mund zu Gott gezogen hat!
Ihr Frommen, deren Trieb und Andacht er erwecket!
Ihr Sünder, die sein Wort, dem Dönner gleich, erschreIhr alle wißt und kennt die ungemeine KraftVon seiner Gottesfurcht, von seiner Wissenschaft,
Von seiner Lieblichkeit, von seinem Ernst im Strafen/
Von seiner Hirtentreu und Liebe zu den Schafen.
Auch dieß ist nicht genug. Wie hoch hob deinenO mein Gamaliel! der Jüden Alterthum,
Der Glanz Jerusalems, die Sprache der Propheten,
Der Morgenländer Witz, der Fleiß der Masorethen!
Wie kräftig schütztest du die Göttlichkeit der Schrift!
Wie treulich wiesest du der starken Geister Gift!
Wie männlich konntest du die Gegner übermannen.
Die sich bisher bemüht, den Glauben zu verbannen!