Vorrede D. Baumgartcns. 25
sigist, und ohne Verabsäumung mancher Obliegenheiten nicht ganz beiseit gesetztwerden kan
Der Mensch ist von geselliger Art, und zum geselschaftlichen Leben gemacht undverpflichtet. Geselschaften aber können ohne Andenken und Nachrichten von Bege-benheiten weder bestehen, noch auch vielweniger alle ihre mögliche Absichten erreichen.Selbst die einfache Geselschaften des häuslichen Lebens, noch mehr aber die zusammen-gesetztere gottesdienstliche sowol als bürgerliche der gemeinen Wesen, erfordern derglei-chen: indem die gegenseitigen Vorrechte und Pflichten derselben auf Begebenheiten be-ruhen. Der grosse Vorzug der Sprache, den wir Menschen vor den Thieren haben,zielet mit darauf ab, uns zu mehrerer Geselschaftlichkeit geschickt und aufgelegt zu ma-chen: die höchst eingeschränkt seyn würde, wenn wir keiner andern Bekantschaft fähigwären, als die durch unmittelbare Empfindung der äussern Sinne könte erhalten wer-den. Wie nun niemand ein nützliches Glied menschlicher Geselschaften ist, noch auchselbst aller ihrer Vortheile gemessen kan, der um das gemeine Beste derselben, folglichauch um die Angelegenheiten, Vortheilhafte unv nachtheilige Begebenheiten und Vor-fälle anderer Mitglieder derselben, unbekümmert ist r so ists gewis eben keine Tugend,mit einer eingebildeten Abgeschiedenheit nichts wissen zu wollen, was in der Welt vor-gehet, es sey denn, daß es uns unmittelbar berüre und anstosse; folglich blos um sichselbst bekümmert zu seyn. Je mehr nun jemand die genaue Verbindung aller mensch-lichen Geselschaften einstehet, die zusammen eine algemeine Geselschaftausmachen: jeangelegentlicher werden ihm Begebenheiten und Händel seiner Mitbürger, selbst an denentlegensten Orten des Erdbodens, seyn. Ja, weil dieser Zusammenhang nicht nur diezu gleicher Zeit aufdem Erdboden befindliche Menschen verbindet, sondern sich auch aufverschiedene Zeiten erstreckt; woraus algemeine Obliegenheiten gegen die Vorfarenund Nachkommen entstehen: so mus sich diese geflissentliche Aufmerksamkeit auch aufBegebenheiten der vormaligen Zeiten erstrecken, wenn man nicht nur die vorherge-^ngene Menschen nutzen, sondern sich auch pflichtmäßig gegen sie verhalten, ja ihreBegebenheiten und deren Wirkungen der Nachkommenschaft brauchbarer machen wil.Patzer es ebenfals unverantwortlich seyn würde, wenn man so in der Welt leben wol-te, als sey mir uns das menschliche Geschlecht entstanden und solle auch mit uns auf-Daß es demnach eine Pflicht der Menschlichkeit, und Wirkung sowol alsBeförderung der algemeinen Menschenliebe und Geselschaftlichkeit ist, anderer Men-sehen Begebenheiten seiner Aufmerksamkeit und Erkundigung zu würdigen, und aufr,e möglichste Weise daran Ancheil M nemen.
Der natürliche Trieb der Neugierigkeit ist eben dazu bestimt, die nachtheiligeGleichgültigkeit gegen dis Band menschlicher Geselschaften zu verhüten, der nichtleicht besser und nützlicher gebraucht, auch hinlänglicher gestillet werden kan, als beyden Geschichten und durch dieselben. Lange, beschwerliche, müsame, kostbare und oftZefarllche Reisen, die grosse Welt zu sehen und kennen zu lernen; auswertige Bekandt-lchaft zu erlangen; menschlicher Geselschaften und ihrer Verfassungen kundig zu werden;