Band 
Erster Theil.
Seite
26
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26 Vorrede D. Baumgartens.

ja auf dem Erdboden nicht fremd zu bleiben, können theils diefe Absichten ohne Bei«hülfe der Geschichte nicht erhalten, theils so weit nimmermehr reichen, als sich diesel-ben erstrecken, ja schaffen ihren grösten Nutzen durch Erweiterung der Kentnis der Ge-schichte. Welche dadurch sehr schätzbar werden, daß sie das sehens - und bewunderns-würdige der entlegensten Orte und entferntesten Zeiten vorstellig machen, und einenMenschen in die brauchbarste Bekantschaft der grösten Leute, nicht nur seiner, son-dern auch aller vergangenen Zeiten, setzen: die sowol aufdem Augenschein der Gestalt,Kleidung und Geberden, nicht beruhet, als auch durch überhäuften Anblick und Em-pfindung sinlicher Dinge oft mehr gehindert als befördert wird (26).

Drittens, befördern die Geschichte sehr merklich und unleugbar die sowol alge-Mine, als besondere, einem jeden für seine Umstände und Lebensart nötige Klugheit.

Selbst die steigende Kentnis menschlicher Gemüter, der Merkmale, Quellen undWirkungen ihrer Leidenschaften und Vorurtheile, der Kraft und Abwechselungen ih-rer Gewonheiten, ja ihrer gesamten gewönlichen, natürlichen und ungezwungenen,auch ungesitteten sowol als ungewönlichen, außerordentlichen und seltenen, theils aus-gebesserten, theils gezwungenen, unnatürlichen und seltsamen Gestalten, Fugen, Stel-lungen und abwechselnden Fassungen, so durch Geschichte nicht wenig vermeret wird:ist ein wesentlich Stück und unentberliches Hülfsmittel der Klugheit. Je grösser undweitläufiger die Verhältnisse sind, darin jemand mit andern Menschen stehet, und desGebrauchs derselben benötiget ist: je mehr ist ihm an dieser Kentnis gelegen, um sichin dieselben besser zu schicken, ihnen leichter beizukommen, und sich ihrer vortheilhafterzu bedienen. Wobey die Geschichte unvergleichliche Dienste leisten.

Sonderlich aber wird die zur Klugheit höchst unentberliche Erfarung durch dieGeschichte unglaublich erweitert, und ein Mensch in den Stand gesetzt, sich fremde Er-farungen eigen zu machen und zu nutzen, ja selbst durch anderer Schaden klug zu wer-den.

(26) Zum reizenden Anblick und nützlichemAugenschein sehenöwürdiger Dinge, sonderlichvon einigem Umfange, ist ein gehöriges Verhält-nis der Entfernung des Standes oder Geschicht-orts, und der Vorwürfe, unentberlich: da sonstdie Empfindung nicht nur zu eng eingeschränkt,sondern auch überhäuft, und durch Verwirrungzur Aufmerksamkeit unbrauchbar wird. Imgroßen Getümmel, bey Uebertäubung der Sinne,ist ein Mensch nicht im Stande, die nächstenBegebenheiten genau zu bemerken. Bey eini-ger eigenen Verwickelung in Begebenheiten hin-dert die angelegentlichere Aufmerksamkeit aufsich selbst und sein eigenes Antheil an denselbendie richtige und volständige Bemerkung dersel-ben, und des wahren Unterschieds der Erheblich-keit-und Unerheblichkeit ihrer Umstände. Da-

her ist ein ruhiger und mit sonst nichts beschäf-tigter Zuschauer von kaltem Blut in genügsamerEntfernung, zur ungestörten Aufmerksamkeit undrichtigen Vorstellung, auch Beurtheilung einerBegebenheit, am fähigsten. Folglich verschaf-fen die Geschichte nicht nur mehr Belustigungund Bewunderung, sondern auch viel Erleichte-rung eines richtigen und fruchtbaren Gebrauchsmenschlicher Händel; und machen einen Men-schen bewanderter auf dem Erdboden, und beyden häufigen Veränderungen dieses Schaupla-tzes mit weit mehr Leuten von Erheblichkeiten be-kanter, auch fähiger, dieselben gehörig zu beur-theilen und vortheilhaft zu nutzen: als sonst durchdie fleißigste Besichtigung der Länder, und dengehäustesten Umgang mir Menschen, oder andereeigene Auftritte, geschehen würde.