84 Einleitung zur algemeinen Westhistorie
Denn aus Erwegung theils der schwachen Fähigkeit der Juden, die nicht im Stande ge-wesen, solche philosophische Warheiten zu fassen; theils der uralten Gewonheit, hohe undschwere Lehrsätze in Gleichnisse, Fabeln und hieroglyphisthe Sinbilder einzukleiden odervielmehr zu verstecken; theils der Schreibart der heiligen Schrift, so in einigen andern Fäl-len von der jetzigen deutlichen Art zu reden sehr abgehet; theils des Hauptendzwecks dieserSchriften, so in moralischer Besserung der Leser bestehe, und eben keine genaue Beobach-tung der Warheit in allen Umstanden natürlicher Dinge zu erfordern scheine; theils dervergeblichen Bemühungen so vieler Zeiten, diese Dinge mit genauer Beibehaltung des ge-meinsten Wortverstandes zu erklären, so durch die grossem Entdeckungen in der philosoephie noch unbegreiflicher zu werden scheinen : ist er bewogen worden anzunemen, daß die hei-ligen Schriftsteller nur die algemeinen und unentberlichen Grundwarheiten vor Ausbeu-tung verwaret, den Ueberrest aber in einen Vertrag eingewickelt , und durch eine Lehrart er-kläret, die mystisch und mythologisch, ja mehr vor den gemeinen Man, als richtig, undmehr nach den Bedürfnissen der Menschen, als nach der eigentlichen Warheit der Dinge ein-gerichtet gewesen").
§. 9Z.
^ Der andere Theorist, Herr llVhiston, bezeuget nicht nur mehr Hochachtung' gegen^ o ' hie heilige Schrift, und vermeidet bey seiner Hyporhest manche Schwierigkeiten, denen die
vorhergehende unterworfen ist; sondern er verfärt auch nach philosophischem Gründen. Ersetzet erstlich diesen Satz voraus: daß die moflrische Erzälung der Schöpfung keine genaueund philosophische Vorstellung des Ursprungs aller Dinge, sondern nur eine historische,aber doch warhastige Nachricht sey von der Bildung unserer Erde aus einem wüsten Chaos,und von den nach und nach vorgegangenen und sichtbaren Veränderungen derselben an je-dem Tage, bis sie zur Wonung der Menschen geworden ^). Welches er mit den ersten Wor-ten Mosts erweiset: Im Ansang schuf<V<Dtt Himmel und Erde; als welche ganzdeutlich mit sich bringen, daß die Hervorbringung der ganzen Welt aus Nichts, so wir ge-meiniglich die Schöpfung nennen, vor den sechs Tagewerken vorhergegangen sey; woraufder Geschichtschreiber gleich unmittelbar auf das Chaos unserer Erde komt, und sich hernachblos in die Vorstellung der Bildung derselben einschränkt. Zwar gedenket er auch der Schö-pfung der Sonne und anderer himlischen Körper, um seine Erzälung nach dem gemeinen Be-grif der Menschen einzurichten und volständig zu machen, insonderheit aber die Juden vorderAnbetung des Heers des Himmels zu verwaren «). Er nimt demnach an, daß Sonne,Mond und Sterne schon vorher erschaffen gewesen, und nur am vierten Schöpfungstageauf der Erde sichtbar und merklich worden -0- Daß das anfängliche Chaos, oder dererste Stof der Erde, die Atmosphäre eines Cometen gewesen sey §), oder eines unförm-lichen planeren, der sich in seinem ursprünglichen Zustande und einer sehr eccenrristhen
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zu reden abgehe; theils widersprechend, auf der ei-nen Seite die Faßlichkeit und Herablassung derselbenzu der geringsten und gemeinsten Fähigkeit der Leserzu behaupten und beinahe zu übertreiben, auf der an-dern Seite aber doch sogar in Geschichten und Er-zwungen einen mystischen, lueroglyphistben undmythologischen Vertrag derselben vorzugeben.
Wenigstens kan ohne Unrichtigkeit der Folgerungvo» einzeln Fällen eines symbolischen und para-bolischen Vertrags, nicht auf die Algemeinheit des-selben geschlossen werden, sonderlich in Stellen, woder Zusammenhang erweiset, der Verfasser habe alsein Geschichtschreiber wirkliche Begebenheiten erzä-len wollen.