Erster Abschnitt,
Die Industrie der Seidenabfälle. *
Die vorzüglichen Eigenschaften der Seidenfaser und ihr hoher Preishatten zur Folge, dass alle bei ihrer Gewinnung und Verarbeitung sichergebenden Abfälle von jeher sorgfältig gesammelt und von neuem ver-arbeitet wurden. Die Verwertung der Seidenabfälle fand bei den VölkernAsiens schon im Altertum statt; in Khotan, wo das Töten der Puppenverboten war, musste ein Teil der Ernte, nämlich die ausgeflogenen, durch-löcherten Gespinste, auf andere Weise als durch Abhaspeln verarbeitetwerden. Die Art dieser Verarbeitung war derjenigen, die für uuabwickel-bare Kokons der wilden Seidenspinner im Gebrauch war, ähnlich und be-stand, nach genauen von Aristoteles und Plinius hinterlassenen Angabeu,im Zerzupfen der Kokons und Verspinnen der erhaltenen Watte auf demSpinnrade. Zunächst war man überall, wo keine rationelle Seidenkulturbestand, auf das Fasermaterial der wilden Kokons angewiesen; nach ihrerEinführung jedoch fand gleichzeitig mit dem Abhaspeln der Kokons auchdie Verarbeitung der Rückstände und Abfälle in oben angegebener Weisestatt. Perser, Griechen und Araber betrieben dieses Gewerbe im IX. undX. Jahrh. Im XIII. Jahrh., als die Seide schon aufgehört hatte eine Selten-heit zu sein, wurde das Sammeln jeden Abfalls und das Verspinnen desselbenbereits auf das sorgfältigste betrieben, und stieg der Verbrauch solcher Ge-spinste fortwährend ’). Im XVII. und XVIII. Jahrh. stand die Verarbeitungder Abfallseide in der Schweiz, in England, Frankreich und Österreich inhoher Blüte. Indessen beschränkte sich das Gewerbe noch immer auf denHandbetrieb, bis Lister in Bradford den Gedanken fasste, die Verarbeitungder Seidenabfälle wie die der Woll- und ßaumwollfasern auf den der Be-schaffenheit des Materials angepassten Kämm- und Spinnmaschinen vorzu-nehmen. Die Versuche führten, obwohl sie mit den für die Seidenfasernoch wenig geeigneten Maschinen angestellt wurden, zu glänzenden
l ) Uongi, Deila mercatura dei Lucchesi nei secoli XIII e XIV. 1884, S. 44.
Silbermann, Die Seide. II. ^