Band 
Zweiter Band.
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Zweiter Abschnitt.

Die künstlichen Seiden.

Angesichts des stets wachsenden Interesses, welches die künstlichenSeiden in fachindustriellen Kreisen für sich in Anspruch nehmen, ist esnicht ohne Wert, einen Überblick über diesen neuen Industriezweig zu ge-winnen und das Produkt desselben, das über kurz oder lang ein billigerHandelsartikel werden wird und schon jetzt in verschiedenen FabrikatenVerwendung findet, in seiner Herstellungsweise und seinen Eigenschaftenkennen zu lernen.

Das Bedürfnis, ein Surrogat für die echte Seide ausfindig zu machenund in die Industrie einzuführen, entstand aus den trefflichen Eigenschaftendieser edelsten aller Textilfasern und dem hohen Preis, der ihrer allge-meineren Verwendung im Wege stand.

Die früheren Versuche, die Seide oder wenigstens eine Faser herzu-stellen, die in ihren Eigenschaften der Seide ähnlich war, schlugen fehl.Seiner Zeit (1879) erregte die sogenannte Similiseide in Lyon grosses Auf-sehen; ein Baumwoll- oder Flachsfaden ging in einen geheimnisvollen, vonallen Seiten geschlossenen Apparat hinein und sollte auf der anderen Seitein Form eines prachtvollen Seidenfadens heraustreten. Es wurde sogar eineAktiengesellschaft mit bedeutendem Kapital zur Ausbeutung dieses Verfah-rens gegründet, das sich indessen bald als Betrug entpuppte.

Gegenwärtig aber besitzen wir in der wilden Seide ein nicht geringesErsatzmittel für die echte; ja es wurde sogar eine Zeit laug versucht, dieRamie (Chinagras) ihres Glanzes halber als Surrogat der Seide zu verwenden,und sollen in China die aus Seide und Ramie verwehten Stoffe viel erzeugtund als reinseidene Gewebe exportiert worden sein. Sehen wir von denVersuchen, aus der Bastfaser des Maulbeerbaumes ein der Seide gleich-kommendes Rohmaterial 1 ) herzustellen, ah, so begegnet man der ersten

*) Fotenza, Englisches Patent 2783 (1862).

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