Band 
Zweiter Band.
Seite
142
JPEG-Download
 

142

Eigenschaften der Kollodiumseiden.

nachdem mau einen Schneidestahl angebracht und so weit an die Walzevorgeschoben hat, dass er die Schichte durchritzt, in Bewegung. Die Walzedreht sich alsdann um ihre Achse, der Schneidestahl bewegt sich, wie durch dieKonstruktion bedingt, in der Längsrichtung der Walze und durchschneidetdie Schichte in Spirallinien. Der Faden lässt sich von der Walze abhaspelnund ist daun zum Spulen fertig 1 j.

Wenden wir uns jetzt den Eigenschaften der künstlichen Seiden zu.Ihrem Ausseren nach sind die Kollodiuniseiden den natürlichen täuschendähnlich, bei näherer Betrachtung fällt aber ihr etwas glasartiger Glanz undihre ziemlich ungleichmässige aschgraue Färbung auch dem Ungeübten auf.Der Griff ist viel weniger zart, als der einer natürlichen Faser von der-selben Dicke uncl in vielen Fällen strohartig.

Die Chardonnetseide ist besonders glänzend, biegsam und zeigt denbekannten knirschenden Griff der abgekochten Maulbeerseide. Die Fädenvon Vivier sind von etwas spröderem Gefühl, dagegen von geradezu blen-dender Weisse und besitzen einen Glanz, der den der echten Seide sogarübertriflft, und in seiner schillernden Art an die florentinischen Angelschnüreerinnert. Die Chardonnetgespinste bestehen aus einer Anzahl zusammen-gezwirnter Fasern; ein aus 12 Fasern zusammengesetzter Faden wiegt96 den. Die Seide von Vivier ist bedeutend dicker, ein aus 4 Fasern be-stehender Faden hält über 120 den. Bei einer Reissprobe reisst die Char-donnetseide äusserst leicht, während die Vivierseide einen ziemlich be-trächtlichen Widerstand leistet.

Der Durchmesser der künstlichen Seidenfasern beträgt je nach ihrerBestimmung und Gattung 40, zuweilen nur 30, bis 70—80 p., ist also imletzteren Falle viermal grösser, als bei der echten und 1,5—2mal grösser,als bei der wilden Seide. Merkwürdigerweise hängt die Dicke der künst-lichen Seidenfaser von dem zu ihrer Darstellung benutzten Rohstoff ab.Ob sich dies auf die Fabrikationsverhältnisse bezieht oder unabhängig vonder Art und Weise des Spinnens ist, konnte bisher nicht festgestellt werden.So zeigt z. B. die aus der Sulfitcellulose hergestellte Kollodiumseide in derRegel einen bedeutend geringeren Durchmesser (ca. 15—50 p., durchschnitt-lich 30 p.), als die aus der Baumwollfaser fabrizierte. Für die Herstellungvon einem g Seide sind je nach der Dicke 3—5000 m erforderlich.

Folgende Tabelle 2 ) stellt einen Vergleich zwischen den natürlichen undkünstlichen Seiden in Bezug auf die Dicke des Fadens, seine Festigkeit undElastizität dar. Die Vivierseide besteht, ähnlich der echten Seide, auseinem Doppelfaden, während die von Chardonnet aus einzelnen (12) Fasernbesteht, so dass man sie zum Vergleich mit den Doppelfasern aller übrigenSeiden als aus nur 6 Fasern bestehend rechnen musste.

') D. R.-P. 55 293 (Brener.) — J ) Blanc, Bulletins du Labor, de Lyon, 1891.