Band 
Zweiter Band.
Seite
146
JPEG-Download
 

146

Eigenschaften der Kollodiumseiden.

bis dreien daliinziehen. Sie fallen ihres Luftgebaltes wegen durch ihre dunkleFärbung auf. Im wesentlichen ist die Faser jedoch ein solider Körper undnicht hohl, wie die meisten Pflanzenfasern. Einen richtigen Einblick in dieFormverhältnisse erhält man durch Herstellung von Querschnitten, die diemannigfaltigsten und kompliziertesten Formen zeigen. Nur selten findetman verhältnismässig einfach geformte Querschnitte, um so öfter solche mitverschiedenartig gestalteten Einschnitten und Buchten, zwischen denen sichgewöhnlich spitze Vorsprünge, offenbar die Querschnitte der Längsleisten,befinden. Gewöhnlich sind zw r ei dieser Vorsprünge, und zwar zwei gegen-überliegende, grösser, schmäler und dabei verschiedenartig verbogen undzusammengelegt, so dass im allgemeinen die Fasern den Eindruck von dickenBändern machen, welche der Länge nach gefaltet und quer zusammen-gebogen sind. Ferner zeigen die Querschnitte hier und da ein bis zweiLuftkanäle. Oft ist ein so geräumiger Kanal vorhanden, dass die Faserthatsächlich wie eine dickwandige Röhre anssieht. Abgesehen von diesenzufälligen Form Verhältnissen zeigt die Chardonnetseide keinen morphologi-schen Bau; ihre Masse ist ganz strukturlos. Dass der unregelmässige Quer-schnitt der Chardonnetseide mit der Spinnmethode, d. i. der Form der ka-pillaren Austrittsöfifnung im Zusammenhang steht, erscheint unwahrschein-lich, vielmehr wird diese merkwürdige Form auf eine Einschrumpfung derim Moment des Austritts zylinderförmigen Masse im Augenblick des Er-starrens zurückzuführen sein. Es ist gleichzeitig bemerkenswert und mitder obigen Erklärung übereinstimmend, dass die Querschnittsform von demzur Fabrikation benutzten Rohstoff abhängig ist. So ist die aus dem Holz-stoff gewonnene Seide in ihrem Ausseren und im Querschnitt weit unregel-mässiger und komplizierter, als die aus reiner Baumwolle dargestellte. DieChardonnetseide ist vollständig amorph und homogen, doch tritt bei Be-handlung mit Scliweitzerschem Reagens, worin sie aufquillt und sich teil-weise löst, die Bildung von linsenförmigen Bläschen ein, deren Ursprungweiter unten erklärt werden wird.

Wie erwähnt, ist der Querschnitt der Chardonnetseide äusserst unregel-mässig, stets abgeflacht und bald sternartig, bald cc förmig oder schnecken-artig gebildet. Aus diesem Grunde sind bei der Messung der Fadendickeim Mikrometer beträchtliche Schwankungen des Durchmessers (von 20 bis60 p., durchschnittlich 35—40 p) wahrzunehmen, obwohl der Querschnitts-flächeninhalt in der ganzen Fadenlänge ungefähr derselbe bleibt. Nach denMessungen von Höhnel beträgt das Maximum der Dicke bei der Chardonnet-seide etwa 52 p., das Minimum 12 p., der mittlere Durchmesser 25 p.. Eshat sich übrigens herausgestellt, dass die aus Baumwolle hergestellte Kol-lodiumfaser bedeutend dicker und aus mehr Einzelfäden zusammengesetztist, als die aus Holzstoff gewonnene. Die einzelnen Fasern der Chardonnet-seide sind durch Torsion ohne Vermittelung irgend welchen Klebstoffes mit-einander verbunden, so dass sie sich mit der abgekochten Seide vergleichenlassen. Nach den Mitteilungen von Chardonnet ist der Querschnitt seines