Chemisches Verhalten der Kollodiumseiden.
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keit von 1,30 m per Minute, ohne irgend welchen Rückstand zu hinter-lassen. Die Seide von Vivier ist bedeutend weniger brennbar; sie hinter-lässt unter vorheriger Verkohlung etwas Asche und die Brenngeschwindig-keit beträgt hier nur etwa 40 cm per Minute. Die Faser von Lehner sollin denitriertem Zustande weniger leicht Feuer fangen als gewöhnlicheBaumwolle und ohne Gefahr in grösseren Mengen, sei es in rohem odergefärbtem Zustande, lagern können. Dass eine Zusammenhäufung grössererMengen der Kollodiumseide nicht ungefährlich ist, ist von seihst einleuch-tend. Gewöhnlich wird jedoch die Gefahr übertrieben unter dem Hinweisauf eine thatsächlich erfolgte furchtbare Explosion in der ChardonnetschenFabrik (Pres-de-Veaux bei Besan^on). Dieselbe entstand aber infolge un-vorsichtigen Trocknens der Pyroxyliumasse und ist bei dem denitriertenHandelsprodukt gar nicht denkbar.
Da der Denitrierungsprozess eine schwierige Operation ist und nichtimmer den erwünschten Erfolg hat, so hat es nicht an Versuchen gefehlt,das fertige Gespinst mit Stoffen zu präparieren, die es unentzündbar machensollen. Zu solchen Präparaten gehört das sogenannte Antiphlogin vonPlante, welches aus 7 T. Borsäure, 70 T. phosphorsaurem Ammonium,10 T. Essigsäure und 900 T. Wasser zusammengesetzt ist. Die für helleFarben bestimmte Seide wird mit alkoholischer Farblacklösung, bestehendaus 600 T. absolutem Alkohol, 100 T. Schellack, 300 T. Fett und dernötigen Farbstoffnxenge, in einem Benzolbade ausgefärbt, während dunkleNuancen in einem lauwarmen (30°) mit 10 °/ 0 Essigsäure versetzten Wasser-bade erzielt werden. Nach dem Färben wird getrocknet, mit Benzol ge-waschen, wieder getrocknet, mit der Antiphloginflüssigkeit imprägniert undnochmals getrocknet. Zur Verminderung der Entzündlichkeit dient eben-falls die Behandlung der gefärbten Gespinste mit Wasserglaslösung.
Ausser dem Verhalten beim Brennen lassen sich die künstlichen Seidenvon den natürlichen durch ihr Verhalten gegen mikrochemische Reagenzienleicht und sicher unterscheiden.
Eine konzentrierte 40prozentige Ätzkalilösung löst von allen zuerst undam leichtesten die Chardonnetseide auf. Nach einer Viertelstunde bei ge-wöhnlicher Temperatur und in wenigen Minuten bei 50° C. verschwindetdieselbe vollständig. Bei 80° wird auch die Maulbeerseide zerstört. Diewilde und Vivierseide widerstehen einer halbstündigen Behandlung in kochen-der Kalilösung, verlieren aber gänzlich den Glanz und das Gefühl. EinelOOprozentige Lösung löst die Tussahseide bei 110° fast momentan auf,während die Vivierfaser zwar widersteht, aber eine gelbe Färbung annimmtund sehr brüchig wird. Dieses verschiedene Verhalten der beiden künst-lichen Seiden lässt sich durch den verschiedenen Grad ihrer Nitrierungsstufeerklären. Während die Chardonnetfaser durch Vorhandensein mehrererNitrogruppen gegen Alkali sehr empfindlich ist, ist die Wirkung des letz-teren auf die Vivierseide als eine nur wenig nitrierte Cellulose ziemlich